Vor einem Jahr machten Tim Mälzer und André Dietz auf VOX aus einem tristen Caritas-Seniorenheim an der Mosel die "Herbstresidenz" - ein gemütliches, lebendiges Zuhause für den letzten Lebensabschnitt. "Ein Jahr danach" schauen sie nochmal, was seitdem geschehen ist ...
Was ist in der "Herbstresidenz" seit der Umsetzung des Inklusionsprojekts passiert? Arbeiten die Azubis noch in der Pflege? Wie hat sich der Alltag der Seniorinnen und Senioren verändert? Und fand das Projekt auch Nachahmer? Projekt-Pate André Dietz stattet dem Seniorenheim in Bernkastel-Kues ein Jahr später wieder einen Besuch ab, stellt jedoch fest: "Es ist halt nicht viel passiert." Heimleiter Manfred Kappes erklärt, warum: "Das Tagesgeschäft holt einen irgendwann ein." Doch der Wiederbesuch gibt den Impuls, die räumlichen Veränderungen voranzutreiben.
Immerhin: Im ganzen Haus wurden Mitmach-Angebote, gemeinsame Unternehmungen und regelmäßige Events eingeführt. Dietz versteht, dass Veränderungen eben Zeit brauchen: "Sie machen es in ihrem Tempo, Hauptsache sie machen es." Wenigstens ist die Tristesse neuem Leben gewichen: "Jetzt ist hier eine völlig andere Stimmung." Tim Mälzer findet: "Ich betrachte das als kompletten Erfolg."
Was machen die Azubis heute?
Einige der Azubis arbeiten weiterhin in der "Herbstresidenz" - auch wenn es manchmal schwierig ist, die Menschen mit Behinderung in den Abteilungen richtig einzusetzen. Doch Stationsleiterin Karo und ihr Team nehmen die Arbeit gerne auf sich: "Die Entlastung, die Freude, das Strahlen, das alleine schon bei den Bewohnern viel auslöst, allein deswegen hat sich das schon gelohnt."
Alina und Sarah sind zusammen in eine Wohnung gezogen und gemeinsam mit Katrin im Heim geblieben. Timon anfangs auch, inzwischen verfolgt er jedoch lieber eine Karriere als Schauspieler. Florian und Maurice arbeiten weiter in der Pflege, allerdings in ihrer jeweiligen Heimat. Louis wollte gerne in der "Herbstresidenz" bleiben, doch seiner Mutter war die Entfernung zu weit. Jetzt arbeitet er in einer Gärtnerei. Jordan war nach einer Weile mit der Situation überfordert und verließ das Heim. Er verrät jedoch unter Tränen: "Ich will ins Altersheim zurück, weil ich weiß, dass ich mit Senioren besser umgehen kann als mit Leuten, die so ticken wie ich."
"Das große Problem unserer Gesellschaft"
Kevin, der unter Tourette und Depressionen leidet, vermissen die Bewohner besonders. "Eine der meist gestellten Fragen nach Ausstrahlung ist bis heute: Warum ist Kevin nicht mehr in der Herbstresidenz?", meint Dietz. Kevin will lieber in seinem gewohnten Umfeld in Hamburg bleiben, hat dort jedoch in den letzten Monaten erst fünf Bewerbungen für einen Job verschickt. Dietz schlägt ihm fünf pro Woche vor. Mälzer ahnt: "Das ist dünnes Eis, auf das wir uns da begeben." Prompt fühlt sich Kevin missverstanden: "Ich habe das Gefühl, es wird so dargestellt, dass ich zu wenig Eigeninitiative zeige. Das stimmt ja nicht." Da merkt auch Dietz: "Ich dachte, er braucht einen Arschtritt - das war ein Fehler." Kevin bricht vor Verzweiflung in Tränen aus: "Es ist die Krankheit. Ihr seht sie nicht."
Doch Mälzer versteht ihn: "Das ist das ganz große Problem unserer Gesellschaft, dass wir psychische Erkrankungen nicht akzeptieren wollen und können." Er weiß aus eigener Erfahrung: "Depression ist eine Drecks...u." Und erzählt: "Als wir den Fernsehpreis für dieses Projekt bekommen haben, danach bin ich in ein echtes Loch gefallen, weil ich gedacht habe: Das habe ich nicht verdient."
Umdenken in den Seniorenheimen
Positives Feedback kommt von der Pflegeschule Daun, die nach dem Projekt die Ausbildung für Menschen mit Behinderung fest etabliert hat und die anschließende Festanstellung als Alltagshelfer in Caritas-Seniorenheimen in ganz Deutschland ermöglicht. "Unser Herbstresidenz-Konzept ist Vorbild", ist André Dietz stolz. Mälzer ebenso: "Wirklich beeindruckend. Da bin ich sehr berührt grade, dass ich ein Teil dessen sein durfte, diesen Denkanstoß mitzugeben." Er wünscht sich: "Hoffentlich sieht das die Politik, dass da sehr viel Potenzial schlummert in unserer Nation." Denn Integration und Inklusion sind nur gemeinsam möglich: "Wenn wir unsere Stärken zusammenführen und ein jeder einen Teil dazu beiträgt, dann sind selbst unvorstellbare Dinge relativ einfach."