Juso-Chef und CDU-Urgestein schießen gemeinsam gegen Merz - aber bei "Rente mit 63" kracht es

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Christoph Ahlhaus und Philipp Türmer in "Maischberger"
In manchen Punkten einig, doch bei der "Rente mit 63" gerieten CDU-Politiker Christoph Ahlhaus (links) und Juso-Chef Philipp Türmer aneinander.
WDR/Oliver Ziebe

Die Bundesregierung beschwört nach ihrer Klausurtagung den Aufbruch. Doch CDU-Mann Christoph Ahlhaus hält wenig von der Harmonie und fordert Kanzler Friedrich Merz zum Handeln auf. Auch Juso-Chef Philipp Türmer sieht seine eigene Partei in der Verantwortung.

Friedrich Merz ist zurück aus dem Sommerurlaub, die Bundesregierung arbeitet wieder. Und das mit demonstrativer Geschlossenheit: Von der am Mittwoch zu Ende gegangen Klausurtagung soll, so wünscht sich das der Kanzler, ein Signal des Aufbruchs ausgehen. Christoph Ahlhaus, Vorsitzender des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft und ehemaliger Bürgermeister von Hamburg, hält indes nicht viel von der auf der Tagung beschworenen Harmonie. "Schön, dass die sich gefunden haben, dass da gute Stimmung war", ätzte der CDU-Mann am Mittwochabend im Talk von Sandra Maischberger. "Aber da ist nichts bei rumgekommen."

Nach dem Reden, so Ahlhaus, müsse die Regierung jetzt ins Handeln kommen. "Ich kann nicht ständig Erwartungen schüren, und dann lassen die Ergebnisse auf sich warten", beklagte der Politiker. Friedrich Merz müsse bereits beschlossene Reformen jetzt vorantreiben, auch gegen Widerstände. Schließlich habe der Bundeskanzler "Richtlinienkompetenz von der Verfassung, und die muss er nutzen, auch wenn es unbequem wird", forderte Ahlhaus.

Sein Gesprächspartner bei "Maischberger" sah das ähnlich. Der Juso-Vositzende Philipp Türmer (SPD) kritisierte zunächst die lange Abwesenheit des Kanzlers. Merz' Sommerpause sei so lang gewesen wie ein ganzer Jahresurlaub vieler anderer Menschen. Noch härter ging Türmer mit der Führung seiner eigenen Partei ins Gericht. "Man kann ja nicht sagen, dass gerade alles gut läuft bei der SPD", stellte er fest.

Juso-Chef Türmer schießt scharf gegen eigene Parteivorsitzende

Die Verantwortlichen stehen für den Juso-Chef fest: "Am Ende müssen natürlich schon die Vorsitzenden auch Verantwortung übernehmen, die Probleme zu lösen", sagte Türmer und verwies darauf, dass SPD-Ko-Chef Lars Klingbeil bereits seit fast fünf Jahren Vorsitzender der Sozialdemokraten sei - und in großen Teilen mitverantwortlich für die aktuelle Misere seiner Partei.

Die Harmonie, die noch wenige Stunden zuvor von Merz und Klingbeil beschworen worden war - im Studio von Sandra Maischberger war sie dahin. Die Regierungsspitzen hatten sich in den vergangenen zwei Tagen zur Klausurtagung auf Schloss Neuhardenberg zurückgezogen. Kurz bevor der Bundestag in zwei Wochen wieder an die Arbeit geht, sollte das Treffen der Auftakt zu einem Herbst der Reformen werden.

"Innovation und Wettbewerbsfähigkeit" hätten auf dem Programm gestanden, sagte Merz am Mittwoch auf einer Pressekonferenz zum Ende der Tagung. "Wir haben das Deutschland von morgen diskutiert, und dieses Deutschland von morgen ist optimistisch und zuversichtlich", so Merz. SPD-Chef und Finanzminister Klingbeil versprach gar: "Wir bauen das Deutschland der Zukunft."

Tatsächlich sind die Probleme, vor denen das Land steht, gewaltig. Nach Jahren der Rezession kommt die Wirtschaft nur langsam wieder in Schwung, und die Reformvorhaben, die die Bundesregierung angestoßen hat, sind ins Stocken geraten. Diskutiert wird allen voran über das Rentenpaket und vor allem über die sogenannte "Rente mit 63", die abgeschafft werden soll. Sie sieht vor, dass Menschen, die 45 Jahre gearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt haben, früher in Rente gehen können.

Aus für "Rente mit 63": Für CDU-Mann Ahlhaus unvermeidlich

CDU-Mann Ahlhaus ließ zwar anklingen, dass auch er kein Freund der geplanten Neuregelung sei. Dennoch sei das Aus für die "Rente mit 63" unvermeidlich, die Neuregelung sei ein wichtiger Baustein, um die Finanzierung des Rentensystems zukunftsfähig zu machen. Die Kritik daran, die auch aus Teilen der Union selbst kommt, wies Ahlhaus scharf zurück und machte gleichzeitig aber auch dem Kanzler den Vorwurf, nicht rechtzeitig alle Beteiligten mit ins Boot geholt zu haben.

Philipp Türmer hingegen verteidigte die Debatte über das Rentenpaket. Zum einen, weil ausweislich neuer Umfragen eine große Mehrheit der Deutschen die "Rente mit 63" beibehalten wolle. Türmer sprach in dem Zusammenhang von einem "Gerechtigkeitsproblem, das irgendwie gelöst werden muss".

Zum anderen nannte Türmer ein konkretes Beispiel: sich selbst und einen "Kumpel". Während Letzterer bereits mit 20 angefangen habe, als Lagerist zu arbeiten und in die Rentenkasse einzuzahlen, habe er selbst, so Türmer, nach dem Abitur erst lange studiert. "Das heißt, es hat zehn Jahre gedauert, bis ich endlich mal in die Rentenkasse eingezahlt habe." Es sei nicht gerecht, so Türmer, dass sein Freund ebenso lange arbeiten müsse wie er selbst, bevor er in den Ruhestand gehen könne.

CDU-Mann Ahlhaus wirft Juso-Chef Vorschläge aus der "Klassenkampf-Mottenkiste" vor

Um die "Rente mit 63" weiter zu finanzieren, forderte Türmer unter anderem, Einkünfte aus Kapitalerträgen an der Finanzierung des Sozialsystems zu beteiligen. Niemand verstehe, warum auf Kapitalerträge lediglich 25 Prozent Steuern anfielen, aber keine Sozialbeiträge. Ahlhaus warf Türmer vor, die "Umverteilungskelle" auszupacken. Statt mehr Kuchenstücke zu verteilen, müsse der Kuchen größer gemacht werden, so Ahlhaus. Soll heißen: Deutschland brauche mehr Wertschöpfung. Und dafür bräuchten Unternehmen entsprechende Freiheiten.

Als "unternehmensfreundlichsten Sozialisten", bezeichnete sich daraufhin Juso-Chef Türmer selbst. Er will Erbschaften höher besteuern, um mit den Mehreinnahmen "Bildung, Infrastruktur und Energie" zu finanzieren. Davon würden Unternehmen am meisten profitieren - durch gut ausgebildete Arbeitskräfte etwa.

Für Mittelstands-Vertreter Ahlhaus ein schlechter Plan, Unternehmen dürften nicht weiter belastet werden. Viel Geld, das vererbt werde, stecke schließlich im Betriebsvermögen. Türmers Vorschläge, so Ahlhaus, stammten aus der "Klassenkampf-Mottenkiste", und dafür sei der 30-jährige Juso-Chef "doch viel zu jung".

Quelle: teleschau – der mediendienst