Die Dokumentation "Ein Sommer in Italien" erinnert an die WM 1990, als Andi Brehme ein ganzes Land in eine glückselige Nacht schickte. Der Film, der nach der Kinoauswertung nun bei Sky zu sehen ist, zeigt die großen Szenen der Spiele, aber er erzählt auch ganz wunderbare kleine Anekdoten.
Wo warst du am 8. Juli 1990, kurz vor zehn Uhr abends, als Andreas Brehme den Elfmeter (diesmal mit rechts) verwandelte? Wo warst du, als wir Weltmeister wurden? Wer Fußball-Fan ist und vor 1980 geboren wurde, weiß das.
"Ein Sommer in Italien" ist eine neue Dokumentation überschrieben, gedreht von Vanessa Goll und Nadja Kölling. Im März startete sie in den deutschen Kinos. Ab 15. Mai ist sie bei Sky sowie mit dem Streaming-Service WOW zu sehen.
In gut anderthalb Stunden wird an diese Weltmeisterschaft erinnert, die zweifellos eine besondere war. Nicht nur, weil Deutschland den Titel gewann. Sondern eben auch, weil sie das erste Großereignis nach Öffnung der Grenzen darstellte. Deutschland war noch nicht wieder ein Land, aber schon auf einem guten Wege, wieder ein Volk zu werden. Dieses Turnier und jene 22 Spieler, die für Deutschland mit dabei waren, trugen ganz wesentlich mit dazu bei. In Zeiten von heute tut jede Erinnerung gut an das, was mal eine Einheit war. Es ist die Erinnerung an einen Abend, der pure Freude bot. Und an den Weg dahin.
"Als ich ins Stadion ging, sah ich den Weltpokal dort stehen. Ich dachte an das, was ich alles auf mich genommen hatte bis dahin. An all die Schmerzen. Und mir war klar: Ohne diesen Cup gehe ich nicht heim", erinnert sich im Film Klaus Augenthaler, mit damals 32 Jahren einer der ältesten Spieler im Kader. Und fürwahr: Nach zwei verlorenen WM-Finals 1982 und 1986 war es an der Zeit. "Deutschland ist vollkommen zu Recht Fußball-Weltmeister 1990", bilanzierte TV-Kommentator Gerd Rubenbauer korrekterweise direkt nach dem Schlusspfiff. Man war die mit Abstand beste Mannschaft des Turniers gewesen.
Wichtig: Die Macherinnen und Macher dieser Dokumentation kümmern sich ausschließlich um das Turnier, um das Team, um die Atmosphäre im burgartigen Hotel am Comer See. Sie erinnern an jedes einzelne Spiel, an fast alle Tore, an beinahe jeden Spieler. Indes lässt der Film die Zeit, in der dies alles geschah, weitgehend außen vor. Wie auch die Stimmung im Land, dessen Mauern gefallen waren und dessen Menschen sich nur wenige Monate zuvor noch weinend in den Armen lagen.
Die Spuckattacke von Frank Rijkaard
Der Fan hat viele Bilder von damals gesehen in all den Jahrzehnten seither, darunter auch einige, die diese neue Dokumentation zeigt. Irgendwann wurden zum Beispiel die Szenen, die Torwarttrainer Sepp Maier drehte, öffentlich. Doch eine ganze Reihe von Aufnahmen aus diesem Film sind wirklich neu fürs Fan-Auge. Nicht wenige im wackeligen Stile eines Hobby-Urlaubers gedreht. Unscharf, mit miesem oder gar keinem Ton. Aber das macht nichts. Der unkommentierte Film enthält darüber hinaus auch bislang unveröffentlichte Bänder von Sepp Maier, Szenen aus dem FIFA-Archiv und private Bilder der Mannschaft. Unter anderem hatte Torwart Bodo Illgner seine Kamera dabei. Fleißig filmte er die Bleibe am Comer See und seine 21 Mitspieler. Irgendwann aber habe er die Kamera zur Seite gelegt und sie ein bisschen vergessen, sagt er. Nicht alles musste als Film festgehalten werden. Es war eine andere Zeit. Und es waren andere Menschen.
So geht die Dokumentation chronologisch durch die Wochen des Turniers, zeigt die Vorrunde ebenso wie das legendäre Achtelfinale gegen die Niederlande. Danach dann die Tschechoslowakei, England und schließlich das Finale gegen Maradonas Argentinien. Fast alle aus dem 22 Mann umfassenden Kader kommen zu Wort, im Interview von damals und mit einem bunt bejackten Reinhold Beckmann natürlich auch Franz Beckenbauer (er starb Anfang 2024).