Robert Habeck lebt nach seinem Rückzug aus der Politik in Kopenhagen. In der Radio-Bremen-Talkshow "3nach9" fordert Habeck die deutschen Politiker zu mehr Kompromissfähigkeit auf.
Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther lobte unlängst seine Professionalität als Minister. "Dass Daniel Günther ein Ehrenmann ist, wusste ich vorher", gibt Robert Habeck am Freitagabend das Lob zurück. Vor neun Monaten hat sich der Grünen-Abgeordnete aus dem Bundestag zurückgezogen. 20 Jahre war er Politiker. Besonders in der Ampelkoalition war er ein gefragter Interviewpartner. Der ehemalige Wirtschaftsminister und Vizekanzler hat sich ein wenig aus den Medien zurückgezogen. Doch am Freitagabend ist er Gast in der Radio-Bremen-Talkshow "3nach9".
"Demokratie bedeutet, dass alles auf Zeit ist. Das war mir auch immer klar", sagt Habeck. "Ich würde auch sagen, dass ich mit diesem Wissen nur Politik machen konnte." Das habe es ihm leichter gemacht, loszulassen. "Man bietet sich an, das habe ich hundertmal in Reden gesagt. Es ist am Ende eine Vereinbarung mit der Bevölkerung. Die gilt ja für alle Menschen, die in der Kommunalpolitik oder auf der Landesebene kandidieren. Man stellt sich vor, man gibt seine Ideen preis, man lässt sie diskutieren, und am Ende, das ist das Schöne an der Demokratie, entscheidet die Mehrheit, wollen wir das machen oder nicht." Das habe ihm viel Orientierung in der Politik gegeben, so Habeck.
Aber er habe gemerkt, dass er sein privates Leben immer weniger selber bestimmen konnte und dass man in der Politik in einem goldenen Käfig lebe. "Man zahlt einen Preis dafür. Das ist kein Grund, jetzt zu klagen. Man wählt sich das alles freiwillig und lebt in einer Welt von Privilegien. Aber irgendwie an der Alster sitzen und mit dem besten Freund ein Kaltgetränk zu trinken, ein alkoholfreies Wasser, was auch immer, und einfach für sich zu sein, das ist eigentlich das, was meine Sehnsuchtsorte waren."
Robert Habecks Familie freut sich, "dass ich die Wahl verloren hab'"
Er sei eher genervt gewesen, im Dienstwagen zu fahren und beobachtet, gefeiert und beschimpft zu werden und eine öffentliche Person zu sein. "Wenn man anfängt, eine politische Karriere zu machen, ist das faszinierend. Man denkt, jetzt habe ich ein Interview in der Lokalzeitung und das halbe Dorf muss sich umdrehen, weil du da was Schlaues gesagt hast. Aber irgendwann kippt das natürlich um und ich denke dann, wie schön wäre es eigentlich, mal wieder durch das Dorf zu gehen, ohne dass sich alle umdrehen."
Robert Habeck vermisst das Politikerleben nicht. So geht es auch seiner Familie. "Ich würde sagen, die freuen sich, dass ich die Wahl verloren hab'", sagt Habeck. Das habe mit Politik weniger zu tun. "Aber dass ich nicht nur da bin am Tisch und wieder lerne, nicht immer alles gleich zu entscheiden, das ist glaube ich eine Wohltat für alle Menschen, die mit mir zusammen leben müssen."
Über zu wenig Arbeit muss sich Habeck nach seiner Politiker-Laufbahn dennoch nicht beklagen. Er ist politischer Analyst, hat mehrere Lehrstühle angenommen und unterhält eine Gesprächsreihe im Berliner Ensemble. "Es war so, dass ich keinen Plan hatte für die Zeit nach der Politik", erzählt Habeck. "Aber als so ein bisschen ruchbar wurde, dass ich vielleicht Bedarf für Pläne hatte, haben sich gleich Leute gemeldet. Und die drei längeren Auslandsaufenthalte an Universitäten sind alle aus politischen Kontakten oder Freundschaften heraus erwachsen. Einer davon war eine Einladung an die Hebrew University in Jerusalem im Januar."
"Der Raum ist in Wahrheit für mich nicht mehr da gewesen"
Dort habe er einen Lehrauftrag für einen Monat gehabt. "Aber der war so intensiv, da zählt jeder Tag wie eine Woche und jede Woche wie ein halbes Jahr, würde ich sagen. Die Geschichte der Universität ist so etwas wie ein Hoffnungsschimmer. Die Universität ist schon vor dem Staat Israel gegründet worden, 1918, und damals schon mit der Idee, verschiedene Konfessionen und Ethnien gemeinsam zu unterrichten. Das ist heute noch so", berichtet Habeck.