Schockierende Einblicke in ein "absolut kaputtes System": Mittels Handyaufnahmen von Gefangenen offenbart ein HBO-Dokumentarfilm einen "endlosen Kreis aus Gewalt" in den Gefängnissen des US-Bundesstaats Alabama. Ein Ende dieses Regimes der Angst ist nicht absehbar ...
Schreie, Blut, Dreck: Wüsste man es nicht besser, man würde sich beim HBO-Dokumentarfilm "The Alabama Solution - Die Hölle hinter Gittern" (ab sofort bei Sky und WOW) in einem Horrorstreifen wähnen. Doch die Filmemacher Andrew Jarecki und Charlotte Kaufman liefern knapp zwei Stunden lang einen erbarmungslosen Einblick in das Grauen des US-Justizsystems in Alabama. "Ein endloser Kreis aus Gewalt" sei ihr Alltag, berichtet Melvin Ray. Sein Mitinsasse Robert Earl Council pflichtet ihm bei: "Der Verbrauch von Leichensäcken hier ist rekordverdächtig." Laut ihm herrsche in den Gefängnissen "eine humanitäre Krise".
Weil Journalisten innerhalb von Gefängnismauern gesetzlich nicht zugelassen sind - aus Sicherheitsbedenken -, sind es ausschließlich Aufnahmen von geschmuggelten Handys, die die unmenschlichen Bedingungen hinter Gittern dokumentieren. Das ist im Oscar-nominierten Film mitunter schwer zu ertragen. Verwackelte Aufnahmen zeigen blutüberströmte Häftlinge, die von Wärtern schwer misshandelt wurden. Drogensüchtige lehnen apathisch an der Wand oder kauern in der Ecke. Häftlinge hausen in Schlafsälen mit 120 Menschen.
"Er trat seinen Kopf zu Boden und der Kopf sprang wie ein Basketball"
Einer, der sein Leben in einer der Haftanstalten ließ, ist Steven Davis. "Er war total entstellt", berichtet dessen Mutter Sandy in dem HBO-Film unter Tränen. Davis war von einem Wächter übel zugerichtet worden - und starb später an den Folgen der Attacke. "Er wurde von einem Beamten totgeschlagen. Es war Mord, und es soll die ganze Zeit unter den Teppich gekehrt werden", bestätigt eine anonyme Quelle aus dem Donaldson-Gefängnis am Telefon. Ein Zeuge berichtet via Handy, der Wächter habe Davis mit einem Metallstock malträtiert, dann mit seinen schweren Stiefeln: "Er trat seinen Kopf zu Boden und der Kopf sprang wie ein Basketball."
Nur Davis' Zellengenosse schildert gegenüber Menschenrechtsanwalt Hank Sharrod, Davis sei mit einer Waffe auf den Wächter losgegangen. Und das nicht ohne Grund. "Wenn ich einen von ihnen in die Pfanne haue, tun sie das Gleiche mit mir", berichtet James Sales von der Einflussnahme der Wärter.
"Seine Mutter tut mir leid, aber wenn sie wartet, dass ich mein Leben aufs Spiel setze, um ihren Sohn zu rehabilitieren, liegt sie falsch." Doch er werde bald frei sein, weist er auf seine baldige Entlassung hin. Dann sei er bereit, mit Sandy Davis zu sprechen. Dazu kommt es nicht: Sales wird wenige Wochen vor seiner Entlassung tot aufgefunden. Die offizielle Auskunft lautet: natürliche Todesursache.
Wärter wird des Modes verdächtigt - und bekommt zwei Beförderungen
Beide Fälle spiegeln prototypisch ein laut Anwalt Harrod "absolut kaputtes System" wider. Denn Konsequenzen aus den Todesfällen gab es für das Personal des Justizvollzugs nicht. Ganz im Gegenteil: Officer Gadson, dem der Mord an Steven Davis zulastgelegt wurde, erwarteten keine juristischen Folgen - sondern gleich zwei Beförderungen.
"Es sind nicht nur ein paar faule Äpfel", weiß Robert Earl Council aus seinen drei Jahrzehnten hinter Gittern. Willkürliche Verhängungen von Einzelhaft, brutale Gewalt und ein Regime von Angst und Unterdrückung sind in den Gefängnissen Alabamas trauriger Standard. Wie "eine Gang" seien die Wächter organisiert, klagt Raoul Poole an.