Dale Cooper, der an ein Serienverbrechen glaubt, taucht in die für ihn fremde Welt mit Haut und Haaren ein. Er berauscht sich an den mächtigen Douglas-Tannen der Wälder. Er schwärmt mit strahlenden Augen für den fantastischen Kirschkuchen und den hervorragenden Kaffee aus Normas (Peggy Lipton) Diner. Und er hat seine ganz eigenen Ermittlungsmethoden, die nicht nur den örtlichen Sherrif Harry Truman (Michael Ontkean) verblüffen.
Cooper vertraut der empirischen Wissenschaft, verkörpert durch den arroganten Forensiker Albert Rosenfield (Miguel Ferrer), ebenso wie der Zen-buddhistischen Meditation. Er hört auf die wunderliche Margaret (Catherine E. Coulson) mit dem orakelnden Holzscheit. Und er nimmt seine Träume ernst, in denen er von einem hilfsbereiten Riesen, einem rückwärts sprechenden Zwerg und der toten Laura Palmer heimgesucht wird.
"Wir haben die Gans geschlachtet, die die goldenen Eier legt"
Lynch, privat ein glühender Verfechter der transzendentalen Meditation, ist es ernst mit diesen wunderlichen Dingen. Kriminalfall, amerikanische Seifenoper und Geisterstunde sind gleichberechtigte Facetten eines schizophrenen Ganzen. Die Komplexität der Erzählweise fasziniert noch heute. "Twin Peaks" ist wie ein Wildwuchs. Jede Figur ist ein bisweilen skurriles, immer aber liebevoll ausdekoriertes Unikum. Jeder Nebenstrang ist von Bedeutung. Alles führt zum schauerlichen Kern des Rätsels - und zugleich von ihm weg.
"'Twin Peaks' kam in einer Saison heraus, in der sich alle über das Mittelmaß, die mangelnde Risikobereitschaft und die Gleichförmigkeit der Serien beklagten", blickte David Lynch später auf den Überraschungserfolg zurück: "Das war unsere Plattform, und wir konnten sagen: Na gut, wenn ihr das nicht mögt, dann schaut euch mal das hier an."
Eine Weile war "Twin Peaks" (wenn auch vorrangig in den USA) der wahr gewordene Traum vom aufregenden, innovativen Konsensfernsehen. Umso schmerzlicher sein Zerplatzen: Lynch und Mark Frost wandten sich irgendwann neuen Projekten zu. Andere übernahmen die kreative Federführung. Ab Mitte der zweiten Staffel franste der zuvor stringent entwickelte Serienkosmos aus. Immer mehr Autoren und Regisseure (darunter der Deutsche Uli Edel) tobten sich aus, immer neue Figuren wurden eingeführt. Was vormals Gänsehaut erzeugte, wirkte zum Ende hin oft nur lächerlich.
Die folgenschwerste Fehleinschätzung unterlief indes der Sendeanstalt ABC selbst. Dann nämlich, als man die Macher dazu drängte, dem Publikum endlich einen Mörder zu präsentieren. "Wir haben die Gans geschlachtet, die die goldenen Eier legt", klagte Lynch einmal rückblickend über diesen Kardinalfehler. Wer tötete Laura Palmer? Besser, wir hätten es nie erfahren.
"Twin Peaks" - Season 3: Kein Kirschkuchen und nur Coffee to go
Womöglich hatten Mark Frost und David Lynch das Gefühl, etwas geraderücken zu müssen, als sie 2017 eine dritte und finale "Twin Peaks"-Staffel nachlegten. Der Aufwand hinter der mit Verzögerung abgeschlossenen Fortsetzung war nicht eben gering. 217 Personen weist die offizielle Besetzungsliste auf.
Neben einigen neu verpflichteten A-Klasse-Stars (unter anderem Monica Bellucci, Amanda Seyfried, Naomi Watts) sind fast alle Schauspieler aus den ersten beiden Staffeln wieder mit dabei, darunter Kyle MacLachlan, Ray Wise, Mädchen Amick und Sheryl Lee. Auch der im Januar 2017 verstorbene Miguel Ferrer ist zu sehen sowie die bereits 2015 verstorbene "Log Lady" Catherine E. Coulson, die sichtlich krank einen berührenden Auftritt am Telefon hat, natürlich mit dem orakelnden Holzscheit in der Hand.
Und doch fühlt sich diese von zahllosen Fans herbeigesehnte "Rückkehr" nicht wie eine Heimkehr an. Es gibt keinen Kirschkuchen und Kaffee nur aus dem Pappbecher "to go". Dale Cooper ist gefangen im mystischen "Red Room", diesem symbolgeladenen Übergangsort zwischen Gut und Böse, während sein maliziöser Doppelgänger in der Welt da draußen Menschen umbringt.
Episode 8 gilt als TV-Sternstunde - und als Schlüssel zum Werk von David Lynch
Unter anderem wird man in Buckhorn, South Dakota, Zeuge einer rätselhaften Bluttat. Und man verbringt als Zuschauer quälend viel Zeit in einem seltsamen New Yorker Hochhausgeschoss. Dort soll ein junger Mann ein Loch in der Wand beobachten, was ihm auf spektakuläre Weise zum Verhängnis wird.
Von "Eraserhead" bis zu den anregend verspulten Millenniumsgroßwerken "Lost Highway" und "Mullholland Drive" zitiert der Meister hier ziemlich erschöpfend seine eigene Ikonografie. Das bringt große Momente hervor wie die experimentelle Atombomben-Episode 8 ("Gotta Light?"), die manchen als Schlüssel zu David Lynchs Gesamtwerk gilt.
Was sich allerdings nur langsam entwickelt: das Korsett einer Erzählung, die beim Zuschauen Halt gibt. Es sind 18 teils schrille, teils berührende, aber jederzeit rätselhafte Episoden, die einer Reise durch die Finsternis gleichen. Und das Licht, bei dem man schließlich ankommt, ist naturgemäß keine Verheißung.
Quelle: teleschau – der mediendienst