Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle leitet das renommierte Filmfestival seit 2024. Nach Vorwürfen und Kontroversen legt sie sich fest: Sie will weitermachen. Aber längst nicht alle Fragen sind geklärt.
Das kam nach dem Hin und Her der vergangenen Tage überraschend: Tricia Tuttle will Berlinale-Chefin bleiben. «Ich bin sehr stolz auf mein Team und das Festival und möchte die gemeinsam begonnene Arbeit in vollem Vertrauen und mit institutioneller Unabhängigkeit fortsetzen», sagte die 55-jährige US-Amerikanerin der Deutschen Presse-Agentur.
Vor einer weiteren Krisensitzung zur Zukunft des renommierten Filmfestivals am Mittwoch (11.30 Uhr) im Kanzleramt gibt es damit eine klare Ansage. Und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) gibt sich zuversichtlich. «Wir sind auf einem guten Weg, die Berlinale zukunftsfest aufzustellen», sagte der Beauftragte für Kultur und Medien der dpa. Doch ist die Kontroverse über das mit Steuergeld geförderte Festival, über die Freiheit der Kunst und die Grenzen staatlichen Einflusses damit wirklich ausgestanden?
Was bisher geschah
Die Vorgeschichte ist kompliziert. Während des Festivals hatten Filmschaffende kritisiert, die Leitung habe sich nicht eindeutig genug an die Seite der Palästinenser im Gaza-Krieg gestellt. Bei der Abschlussgala warf der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib der Bundesregierung vor, Partner «des Völkermords im Gazastreifen» zu sein. Israels Regierung weist den Völkermord-Vorwurf strikt zurück, ebenso wie die Bundesregierung. Umweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ die Gala aus Protest. Auch Weimer und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) verurteilten die Aussagen.
Wenige Tage später meldete «Bild», Tuttle solle als Intendantin abberufen werden. Dies löste wütende Reaktionen in der Kulturszene aus, viele Kulturschaffende solidarisierten sich mit der Festivalchefin. Weimer sagte dann am Wochenende der «Rheinischen Post», Tuttle habe von sich aus ihre Zukunft bei der Berlinale infrage gestellt und von einer «vergifteten Atmosphäre» gesprochen.
Wie sich Tuttle positioniert
Tuttle selbst schwieg tagelang, äußerte sich aber jetzt ausführlich in einem dpa-Interview. Sie habe sich selbst die Frage gestellt, ob sie weiter effektiv arbeiten könne «in einem Umfeld, in dem meine Führungsrolle und die Integrität der Berlinale öffentlich ernsthaft in Zweifel gezogen wurden». Mit Weimer habe sie «die Möglichkeit meiner einvernehmlichen Kündigung» diskutiert. «Noch bevor diese Gespräche vollständig abgeschlossen waren, erschien in der Presse die Nachricht von einer Aufsichtsratssitzung, in der über die Zukunft der Berlinale beraten werden sollte», fügte sie hinzu.
... sie freut sich über den Rückhalt
Die Reaktionen aus der Kulturszene seien beachtlich gewesen. «Die breite Resonanz unterstrich, dass es in der Debatte nicht um eine einzelne Preisverleihung, eine Festivalwoche oder eine Person ging, sondern um das allgemeine Prinzip, dass kulturelle Einrichtungen darauf vertrauen können müssen, innerhalb demokratischer und rechtlicher Rahmenbedingungen agieren zu können. Das ist eine starke Botschaft.» Das habe «auch meine eigene Klarheit nach einigen schwierigen Wochen wiederhergestellt».
... sie pocht auf Unabhängigkeit
Tuttles Aussagen kann man so verstehen, dass sie selbst schwankte, sich aber durch den Rückhalt von Kollegen bestätigt fühlte. Und dass sie sich bei der Führung des Festivals auch künftig nicht allzu sehr von der Politik reinreden lassen will.