Mit 16 wird sie zur Sensation der Olympischen Spiele von München, zwölf Jahre später krönt sie ein spektakuläres Comeback: Hochspringerin Ulrike Nasse-Meyfarth, die am 4. April ihren 70. Geburtstag feiert, gehört zu den größten deutschen Leichtathletinnen aller Zeiten.
80.000 Menschen halten den Atem an, ein Teenager läuft an und schreibt Sportgeschichte: Als Ulrike Meyfarth am 4. September 1972 im Münchner Olympiastadion 1,92 Meter überspringt, ist sie 16 Jahre alt, Gymnasiastin aus Köln-Rodenkirchen - und plötzlich Olympiasiegerin. "Vom Olympiasieg bin ich völlig überrumpelt worden", sagte sie Jahrzehnte später der "Welt am Sonntag", "in keinem Traum hatte ich das jemals gedacht." Fast noch unvorstellbarer ist allerdings die Tatsache, dass sie ihren Triumph zwölf Jahre später wiederholen konnte. Am 4. April feiert die Doppel-Olympiasiegerin nun ihren 70. Geburtstag: Sie genießt inzwischen ihren Ruhestand - ärgert sich allerdings ein wenig über fehlende Anerkennung.
Ihre Geschichte beginnt als Märchen, ihr Sieg bei Olympia kommt aus dem Nichts. Meyfarth reist eigentlich nur nach München, um Erfahrungen zu sammeln: "Niemand hatte mir eine Medaille zugetraut, ich am allerwenigsten", sagte sie 2022 im "SZ"-Interview. Die Vorbereitung habe sich angefühlt "wie ein Klassenausflug". Doch dann im Wettkampf steigert sie sich Sprung für Sprung, gewinnt Gold und wird zur jüngsten Olympiasiegerin der Leichtathletik in einer Einzeldisziplin.
"Völlig überfordert vom plötzlichen öffentlichen Interesse"
Doch der Moment gehört ihr nur kurz. Wenige Stunden später erschüttert das Attentat auf die israelische Mannschaft die Spiele. "Ich war völlig vor den Kopf gestoßen", erinnerte sie sich im "SZ"-Interview. "Ich dachte spontan und fast mit einer gewissen Erleichterung: Jetzt interessiert sich niemand mehr für dich und deine Goldmedaille. Sie dürfen nicht übersehen: Ich war 16 Jahre und begriff die Dimension des Geschehens nicht ansatzweise."
Was folgt, ist kein geradliniger Aufstieg, sondern ein Leben zwischen Erwartungsdruck und Selbstbehauptung. Meyfarth wird über Nacht zum Star - und gleichzeitig zur Projektionsfläche. Gerüchte über Liebschaften und Schwangerschaften kursieren, die Öffentlichkeit fordert ständig neue Bestleistungen. "Ich war völlig überfordert vom plötzlichen öffentlichen Interesse", sagte sie.
Sportlich geht es zunächst bergab. Bei Olympia 1976 in Montreal scheitert sie in der Qualifikation, bei Europameisterschaften verpasst sie die Medaillen. "Zwölf Sommer Einsamkeit vergingen", schreibt sie später. Auch abseits der Tartanbahn erlebt sie Rückschläge: Die Sporthochschule Köln lehnt sie trotz Goldmedaille wegen zu schlechter Abiturnote ab, erst als Nachrückerin kann sie ein Jahr später ihr Studium beginnen. Fördergelder werden gestrichen. Der Tiefpunkt ist erreicht.
Meyfarth hatte lukrative Jobangebote, "aber Familie war mir wichtiger"
Und doch gelingt ihr das, was im Spitzensport selten ist: ein zweiter Höhepunkt. 1984 in Los Angeles kehrt Meyfarth zurück - älter, erfahrener, als "alte Dame des Hochsprungs" belächelt. Sie springt 2,02 Meter und gewinnt erneut Gold. "Da hat sich der Kreis geschlossen", sagt sie. Es ist ihr letzter internationaler Wettkampf.
Dem Sport bleibt sie aber treu - allerdings nicht in Vollzeit: Nach ihrem Sportlehrer-Diplom steigt Nasse-Meyfarth, wie sie seit ihrer Heirat 1987 heißt, beim Bayer-Konzern ein, arbeitet bei einer Tochterfirma der Betriebskrankenkasse. Und sie ist im Verein aktiv: Sie entdeckt Talente, trainiert Kinder, kümmert sich um den Schulsport beim TSV Bayer 04 Leverkusen. Dabei geht ihre Familie, sie und ihr Mann haben zwei Töchter, jederzeit vor: "Ich hatte auch andere, lukrativere Jobangebote, aber Familie war mir wichtiger", erklärte sie im "SZ"-Interview.