Dieser Kategorie werden normalerweise Gestalten wie der angeblich wahnsinnige Kaiser Nero aus dem alten Rom (1. Jahrhundert) oder der ebenso blaublütige wie bauwütige bayerische Märchenkönig Ludwig II. (19. Jahrhundert) zugerechnet.
Nach einem Bericht des Magazins «The Atlantic» vergleicht sich Trump in jüngster Zeit öfter mit Alexander dem Großen, Julius Cäsar und Napoleon und sieht sich als «die mächtigste Person, die jemals lebte». «Und es ist sicher nicht nur satirisch gedacht, wenn er sich vor kurzem als Wunderheiler Jesus präsentiert hat», ergänzt Sloterdijk.
Hier ergeben sich Parallelen zu mittelalterlichen Königen, denen man die Fähigkeit zuschrieb, Kranke heilen zu können. In England blieb dieser Glaube bis ins 17. Jahrhundert verbreitet. Der indische Ministerpräsident Narendra Modi wiederum wird von einigen seiner Gefolgsleute als vom Himmel herabgestiegenes «göttliches Wesen» verehrt.
«Er hat demnach die Gabe der multiplen Location», weiß der als großer Spötter bekannte Sloterdijk zu berichten. «Das heißt, er kann an mehreren Orten gleichzeitig sein. Das ist für einen Politiker im Wahlkampf ein unschätzbarer Vorteil, noch dazu in einem so riesigen Land wie Indien.»
Ein Triumphbogen - größer als das Vorbild in Paris
Noch in einer weiteren Hinsicht stellt sich Trump in eine Reihe mit historischen Herrschergestalten: Bekanntlich will der US-Präsident in Washington einen Triumphbogen errichten, der den Pariser Arc de Triomphe noch um mehr als 25 Meter überragen soll. Spottname: Arc de Trump. Auch der Abriss des Ostflügels des Weißen Hauses und der Bau eines Ballsaals nach französischem Vorbild passen in diesen Kontext.
«Seinen Anlagen und Neigungen nach ist Trump kein Politiker, sondern eher ein Clown, der den Diktator gibt», meint Sloterdijk. Vor allem sei er ein Halbwüchsiger geblieben, der in fortgeschrittenem Alter entdeckt habe, dass der Staat ein Spielzeug mit erheblichem Amüsierpotenzial sei. «Man sollte sich allerdings hüten, von der Größe des Spielzeugs auf die Riesengestalt des Spielers zu schließen.» Macht ist nicht zu verwechseln mit geschichtlicher Größe.
Achtung: Einer ist noch viel gefährlicher als Trump
Trumps große Schwäche, die sich die Europäer nach Meinung Sloterdijks unbedingt zunutze machen sollten, ist das Fehlen eines durchdachten Plans. Stattdessen verwickle er sich dauernd in Widersprüche, etwa wenn er die Vereinigten Staaten von Amerika einerseits abschotten wolle und andererseits auf allen möglichen Weltschauplätzen militärisch eingreife.
Sloterdijk hält Trump deshalb auch für lange nicht so gefährlich wie Russlands Präsidenten Wladimir Putin, einen anderen Neu-Fürsten. Denn Putin habe erstens im Gegensatz zu Trump durchaus einen Plan – die vermeintliche Wiederherstellung eines russischen Imperiums – und zweitens wolle er dessen Verwirklichung noch persönlich erleben.
«Das ist sehr gefährlich, da er merkt, dass ihm langsam die Zeit davonläuft», warnt Sloterdijk. «Wir müssen uns angesichts seiner begrenzten Lebenszeit darauf gefasst machen, dass Putin vor dem Ende noch schreckliche Fehler begehen wird.» Hier sei ein «apokalyptisches Szenario» nicht auszuschließen.
Was würde Machiavelli heute raten?
Wenn Machiavelli heute noch einmal zurückkäme, dann vermutlich als Politikberater, glaubt Sloterdijk. Was würde er den Europäern empfehlen, wenn sie ihn unter Vertrag nehmen würden? Vielleicht, so der Wahl-Berliner mit Sommersitz in Südfrankreich, würde der nüchterne Analytiker sie darauf hinweisen, dass sie sich von nationalistischer Beschränktheit ebenso verabschieden müssten wie von pazifistischen Illusionen. Im Zeitalter der selbst ernannten «großen Männer» bestünde die einzige Hoffnung der Europäischen Union auf Selbsterhaltung in der Stärkung ihrer Handlungsfähigkeit.