In der Schule wird der schüchterne Junge schlimm gemobbt und lässt sich vieles gefallen. Es kommt noch dicker, als Mauras aufbrausender, gewalttätiger Sohn Ruben bei ihnen einzieht. Ruben wurde gerade aus einer Jugendstrafanstalt entlassen. Er hatte jemandem die Nase abgebissen.
Eine toxische Bruder-Beziehung
Kaum eingezogen, schmeißt Ruben Nialls Sachen weg, reißt dessen Poster von der Wand, und zwingt ihn, sich unterzuordnen. Doch als Ruben einen der Mitschüler verprügelt, die Niall regelmäßig gehänselt haben, beginnt zwischen den beiden eine Freundschaft.
Niall hilft Ruben, seine Prüfung zu bestehen. Ruben kümmert sich darum, dass Niall, den er abwertend Bambi nennt, seine Jungfräulichkeit verliert - einer von unzähligen unbehaglichen Momenten in «Half Man».
«Wir sind jetzt Familie», sagt Ruben. Doch es ist eine toxische Beziehung. Niall bewundert den älteren Ruben auf eine gewisse Weise, gleichzeitig ist er ihm ausgeliefert, weil er dem dominanten, aufbrausenden Schläger körperlich nichts entgegenzusetzen hat.
Mal wird er von Ruben in den Schwitzkasten genommen, in anderen Momenten ist sein «Brother from another Lover» - wie Ruben es formuliert - fast zärtlich. Aber dessen aufdringliche Nähe ist schon beim Zuschauen unangenehm.
Überhaupt ist «Half Man» von Beginn an beklemmend, manchmal quälend. Man möchte das eigentlich nicht miterleben - und doch ist man von der drastischen Geschichte fasziniert. Das liegt einerseits daran, dass Gadd ein besonderes Gespür für Figuren, Dialoge und Details hat. Andererseits liegt es an den grandiosen Leistungen der Schauspieler.
Dramatische Ereignisse werfen ihre Schatten voraus
Die Universität soll für den intelligenten Niall, der ein begabter Schreiber ist, ein Neustart werden. Ohne Ruben. Doch das neue Leben in einer WG mit den lebenslustigen Studentinnen Joanna (Julie Cullen) und Celeste (Philippine Velge) und dem selbstbewussten Einzelgänger Alby (Bilal Hasna) ist für Niall eine Herausforderung.
Schließlich ruft er wider besseres Wissen Ruben an. Dessen Ankunft in der WG setzt eine Reihe dramatischer Ereignisse in Gang, die Niall in eine schier ausweglose Lage bringen - und letztlich das Leben der beiden ungleichen Freunde bis in die Gegenwart prägen.
Über die Jahre trifft Niall immer wieder viele schlechte Entscheidungen und fällt in alte, selbstzerstörerische Muster zurück. Es gibt auch ein wenig Humor. Aber die Miniserie von Richard Gadd geht vor allem dahin, wo es wehtut - im Wortsinn. Nicht nur die drastischen Gewaltszenen sind schwer zu ertragen.
Deprimierende Geschichte mit furchteinflößendem Gadd
In «Rentierbaby» spielte Gadd das Opfer, in «Half Man» ist er der Täter, der gleichzeitig - das deutet sich immer wieder an - auch ein Opfer ist. Als muskulöser Schläger mit struppigem Bart, Topfschnitt und irrem Blick ist Gadd wirklich furchteinflößend. Und Jamie Bell steht das Leid ins Gesicht geschrieben. Nialls Verhalten - und auch das der anderen - ist dabei nicht immer nachvollziehbar und wirkt manchmal überzeichnet bis absurd.
«Half Man» ist eine ergreifende und verstörende Geschichte über destruktive Beziehungen, toxische Männlichkeit und emotionale Abgründe. Hier gibt es keine Gewinner. Jeder trägt ein Trauma mit sich. Es geht um Moral, Schuld, Loyalität und um sexuelle Identität. Das ist stellenweise überwältigend. Eine fesselnde, aber auch schwer verdauliche Charakterstudie.