Darum ist der Haftbefehl-Auftritt so überraschend
Auch Haftbefehl machte in den vergangenen Monaten mit Drogeneskapaden Schlagzeilen, die Hauptbestandteil einer erfolgreichen Netflix-Doku waren. Für den Rapper aus dem hessischen Offenbach («Chabos wissen wer der Babo ist») ist der Auftritt am Freitag eine Ballermann-Premiere - und das hat sogar Deutschrap-Experte Schmidt verwundert. «Denn er steht für einen eher brachialen Sound mit rohen Texten.»
Es ist eine Mischung, die vielleicht auf den ersten Blick überrascht, dann aber doch viel Sinn ergibt. Denn (Party-) Schlager und Deutschrap gehören zu den reichweitenstärksten Genres im Streaminggeschäft. Die jungen Partyurlauber sind mit Rap aufgewachsen.
Eingängige Hooks, einprägsame Textstellen und Themen wie Feiern, Frauen und Freundschaft haben beiden Musikrichtungen gemeinsam - nur die Sprache ist eine andere. Während der Partyschlager oft ironisch oder augenzwinkernd daherkommt, setzt Rap häufiger auf Authentizität und Attitüde.
Immer mehr Rap-Ballermann-Duette
Auch Kollaborationen gibt es immer häufiger. Der Brandenburger Hip-Hopper Finch brachte an diesem Freitag «Analysieren» mit Rumbombe («Hurensohn») raus. Und er holte für seine Tour Mia Julia («Bring mich nach Hause») als Voract auf die Bühne.
«Ob Ballermann oder nicht: Sie bringt Leute dazu, den Alltag zu vergessen und Spaß zu haben und führt Menschen zusammen. Das ist das Tollste, was Musik macht, sie verbindet», sagte Finch der dpa über seine Zusammenarbeit.
«Überangebot an unterdurchschnittlichen Titeln»
Partyschlager-Star Mickie Krause («Schatzi schenk mir ein Foto») findet Abwechslung gut. «Denn man muss aufpassen, dass den Leuten die typische Ballermannmusik nicht irgendwann auf die Nerven geht», sagte er der dpa. «Denn was Ballermannmusik angeht, da haben wir aktuell ein Überangebot an unterdurchschnittlichen Titeln!»
Ballermann-Urgestein Ikke Hüftgold («Bumsbar») sieht die Entwicklung dagegen kritisch. «Man kann sich schon fragen, warum wir unseren stabilen Markt selbst verwässern. Gerade die Älteren vergrault man so zum Teil, weil es nicht mehr zugespitzt auf die eigentliche Zielgruppe ist.»
Der Sänger und Produzent schießt gern mal gegen den «Megapark». Haftbefehl und Capital Bra müsse man eigentlich «von der Bühne fernhalten». «Der eine kokst sich im wahrsten Sinne des Wortes die Nase weg und zeigt das in einer Doku. Der andere filmt sich bei einem Drogenabsturz selbst.» Alkohol sei ohnehin ein Problem an der Playa. «Da hinterfrage ich mich auch selbst immer wieder, ob es richtig ist, das zu propagieren.»
Auch die immens hohen Gagen könnten nach hinten losgehen. «Das auf die Leute umzulegen, wird in die Hose gehen. Diese Kaliber kosten das Drei- bis Fünffache von dem, was ein normaler Mallorca-Star kostet, der auch die Bude rammelvoll macht.» Bei Auftritten von Sido oder Finch verlangen die Clubs einen Mindestverzehr von bis zu 50 Euro.
Wer hat Angst vor wem?
Wie geht es jetzt weiter am Ballermann? Krause hat zumindest keine Angst, dass die Gangsterrapper ihm gefährlich werden können. Und er fügt augenzwinkernd hinzu: «Eigentlich müssen sie Angst vor mir haben».