Ist das Internet im Alltag normaler Menschen angekommen? Und weshalb sind die Piraten nicht mehr in der Öffentlichkeit präsent, schließlich ist das doch ihr ureigenstes Thema?
Bruno Kramm Eigentlich sollte das schon vor Jahren angekommen sein und für uns als Partei ist das Teil des Gründungsmythos. Die Vermittlung von unserer Seite geschieht von zwei Seiten: Einerseits auf die Mängel und die daraus entstehenden Gefahren der europäischen und deutschen Netzpolitik hinweisen und gleichzeitig Hilfe zur Selbsthilfe geben, wie z.B. mit Cryptoparties - Hier lernt man das elementare Rüstzeug, um die eigene digitale Privatsphäre vor Ausspähung zu schützen. Ich hoffe, dass die Bürger unsere Informationen zu diesem Thema in den nächsten Wochen geballt wahrnehmen.
Unsere Datenschutzaktivisten wie Daniel Domscheid-Berg oder Katharina Nocun sind nicht umsonst ständige Gäste in den aktuellen TV Debatten.

Leider aber ist im Technologieexportland und Wissenschaftsstandort Deutschland das Vermitteln von Medienkompetenz und digitaler Mündigkeit wenig entwickelt - Das liegt auch an der Feigenblattpolitk unserer politischen Entscheidungsträger, denn etablierte Parteien haben schnell eine Schar von Netzpolitikern in die erste Reihe geschoben um zu dokumentieren: Wir sind auch angekommen, Piraten braucht es nicht. Sobald es aber an das Eingemachte geht, also z.B. Bestandsdatenauskunft, Vorratsdatenspeicherung, Störerhaftung und vieles andere greifen wieder die alten Denkmuster und die Netzpolitiker werden als das präsentiert, was sie sind - Makulatur und Etikettenschwindel. Wie sonst ist es zu erklären, dass z.B. die Legitimation der Überwachung aus Zeiten des Viermächteabkommens stammt, Herr Schäuble noch in 2008 ein Tempora für Deutschland versprach und heute jeder Entscheidungsträger Empörung in der Öffentlichkeit heuchelt und gleichzeitig die Überwachung im neuen TTIP Freihandelsabkommen hinter verschlossenen Türen ausweitet.

Es gibt sarkastische Aussagen, denen zufolge man weder E-Mails noch Internet nutzen und am besten auch kein Handy haben sollte - das ist doch völlig unrealistisch und lebensfern, oder?
Diese Reaktion spiegelt die Dramatik wieder. Denn Menschen lehnen immer häufiger die moderne Technologie kategorisch ab, aus Angst und aus Ärger. Gerade hier im fränkischen Land ist der Netzausbau häufig auf dem Niveau von Rumänien. Viele Bevölkerungsgruppen richten sich im digitalen Analphabetismus ein, verlieren den so wichtigen Anschluss, der sowohl die Wirtschaft, als auch sämtliche gesellschaftliche Bereiche der Zukunft betrifft. Das ist auch Teil der Politik, die hier in den letzten zwei Jahrzehnten versagt hat, entsprechende Bildungsangebote und Infrastrukturen zu schaffen. Genau aus diesem Grund haben wir auch viele Chancen des digitalen Wandels in den Märkten verpasst. Die amerikanische Dominanz in der Informationsindustrie ist hausgemacht. Dass in Deutschland z.B. Apple iTunes der Platzhirsch für MP3s ist, liegt an den vollkommen überhobenen Gema Forderungen, die hier zwei Jahrzehnte lang Innovationspotential gebremst hatten. Das gleiche gilt auch im Bildungsbereich. Open Educational Recources (Digitale Lernmittel) und das Open Courseware Consortium (Offene digitale Universitäten) sind weltweite Innovationspotentiale mit riesigem Wachstum - In Deutschland gibt es wegen restriktiver Urheberrechtspolitik noch nicht einmal Machbarkeitsstudien. Wir fallen so immer weiter zurück.

Cryptoparty, Kryptografie, Tor-Netzwerk, Verschlüsselung - das klingt alles höchst kompliziert. Wie viel technisches Wissen braucht man, um seine Daten sicher zu machen?
Eigentlich sind diese Techniken sehr leicht zu installieren, es erfordert natürlich auch eine gewisse Disziplin in der täglichen Nutzung. Wer es schafft, selbst Programme, wie z.B. Spiele zu installieren, sollte damit keine Probleme haben. Wer das nicht schafft, ist natürlich herzlich willkommen, eine der vielen Cryptoparties zu besuchen.

Werden wir konkret: Ich habe ein fünf Jahre altes Notebook, auf dem noch Windows XP läuft. Soll ich auf Windows 7 upgraden?
Verschlüsselung und anonym Surfen läuft auf dem WindowsXP wunderbar. Man benötigt nicht immer das modernste Betriebssystem. Manchmal ist es sogar umgekehrt. Der Torbrowser ist für einen Firefox schnell installiert und auch ein Thunderbird Email Client hat schnell das PGP App zur Verschlüsselung der Emails installiert. Wer jedoch einen Gratis Webmailer im Browser benutzt kann die Verschlüsselung nicht so leicht sicherstellen. Generell ist die Verschlüsselung der Festplatte zu empfehlen. Hier lagern oft die privatesten Daten, auf die niemand unberechtigten Zugriff haben sollte.

Wie sicher ist freie Software - beispielsweise OpenOffice oder eine Linux Distribution?
Da freie Software von vielen Freiwilligen im Interesse einer großen Nutzercommunity ohne wirtschaftliches Interesse programmiert wird, würden entsprechende Schlupflöcher und Wanzenschnittstellen auch eher erkannt, denn alle arbeiten am offenen Quellcode. Hier kann man auch nur wieder eine Lanze für diese Kultur des digitalen Gemeinwesens brechen. Es geht hier nicht um Gratiskultur, sondern um Teilhabe und gemeinsames Hegen und Pflegen von freien Infrastrukturen.

Der Apple-Account inklusive Cloud-Speicher oder das Google-Konto sind sehr praktisch. Soll ich diese Bequemlichkeit aufgeben? Wenn ich das nicht mache, kann ich dennoch etwas gegen die Abhörerei tun?
Gerade hier sollte man vorsichtiger sein. Alles was gratis ist, kostet in der Regel einen Blick in meine Privatsphäre. Private Informationen sind die Währung aller kommerzieller Anbieter. Jeder muss selbst den Nutzen gegen die Gefahr abwägen, wenn er oder sie private Daten preisgibt. Neben der kommerziellen Nutzung meiner privaten Daten gesellt sich noch die gerade geleakte Gefahr, dass in den USA die NSA entsprechende Zugangsinterfaces zu den Providern und Diensteanbietern nutzt, um Inhaltsdaten, Verbindungsdaten und alle sonstigen privaten Kommunikationen zu belauschen. Dazu gehört auch die Wirtschaftsspionage.

Ich nutze als Browser den Internet Explorer. Soll ich auf einen anderen Browser wechseln? Oder kann ich damit weiterhin surfen?
Natürlich funktioniert das auch - Tor Anonymisierung bedeutet nur, wie die Anfragen hinsichtlich Adressat und Inhalt über verschiedene anonyme Server geleitet werden, damit niemand nachvollziehen kann, wann ich von welcher Adresse aus eine Seite angesurft habe. Anonymes Surfen hat aber auch Nachteile, die über den Installationsaufwand hinausgehen. Die Bandbreite ist gerade in Zeiten erhöhten Anonymisierungsinteresses im Tor-Netzwerk nicht wirklich schnell. Anonymes Surfen sollte man dann einsetzen, wenn man seine Privatsphäre schützen möchte. Also z.B. bei Informationen zu Krankheiten, rechtlichen Fragen, kritischen Seiten u.ä. Wohl eher nicht, wenn man das aktuelle Lieblingsbandvideo auf Youtube schaut. Aber auch hier wird vom Nutzer ein Profil erstellt, das Informationen über die Nutzungsgewohnheiten des Users zusammenfasst.

Ich höre immer etwas von Firewalls und Antivirenscanner - soll ich so etwas auch installieren und nutzt das überhaupt etwas?
Viren, Trojaner und Malware sind alltägliche Gefahren, die unser System schädigen oder gar Zugang von außen verschaffen. Wer keine Lust auf Viren hat, kann sich auch überlegen, ein für Viren uninteressantes Betriebssystem zu installieren. Hier bieten sich zahllose Linuxdistributionen an, die um Welten besser sind als ihr Ruf.

Es gibt eine fast unübersichtliche Auswahl an internetfähigen Handys, sogenannte Smartphones, die auch noch mit unterschiedlichen Betriebssystemen um Käufer buhlen. Die Preisfrage: Android oder Apple?
Das ist wie den Belzebub mit dem Teufel austreiben. Hier muss man sich genauso bewusst sein wie bei jedem Mobiltelefon. Provider erstellen Bewegungsprofile. Handyortung und Funkzellenüberwachung sind für Behörden und Geheimdienste eine alltägliche Technik. Jedes Handy ist für Geheimdienste eine potenzielle Wanze. Von Außen adressiert, sind Gespräche und Videos trotz vermeintlicher Inaktivität mitzuhören. Moderne Smartphones wie Apples iPhone kann man ja nicht einmal wirklich ausschalten oder den Akku entnehmen. Diese Smartphones senden ständig Daten und wir können das schwer bis gar nicht kontrollieren. Wenn Wikileaks Aktivisten und Whistleblower ihre Telefone in den Kühlschrank stecken, hat das nicht immer etwas mit Paranoia zu tun.

Die Fragen stellte Petra Breunig


Die Piratenpartei veranstaltet sogenannte Cryptoparties, bei denen Interessierte ganz konkrete Tipps bekommen, wie sie ihren Rechner sicherer machen können.

Die nächsten Termine:
11. Juli, 19 Uhr, Bayreuth, Quetschn, Wölfelstraße 20
12. Juli 19 Uhr, Bamberg, Immer hin Dr.-von-Schmitt-Straße 16
13. Juli 10. 30Uhr, Ulm, Café Plus, Turmgasse 1
21. Juli 18 Uhr, Augsburg, Piratenbüro MG1 im mittleren Graben 1
27. Juli 10 bis 22Uhr, München, LGS, Schopenhauerstraße 71