• An drei Tagen 450 Speaker und 6000 Gäste
  • Themen sind Netzpolitik, Zukunft des Journalismus, Flüchtlingsproblematik und der europäische Ansatz
  • Viel Kreativität und neue Ansätze, doch auch Ernüchterung, weil immer wieder die gleichen Fragen gestellt werden (müssen)

  • Bulettenduft zieht durch die Luft und Menschen haben Armbändchen, dazu tingelt man ständig zwischen verschiedenen Bühnen hin und her. Eines wird schnell klar: Die re:publica in Berlin-Kreuzberg ist keine bloße Konferenz, hier kommt Festivalfeeling auf. Ein buntes Publikum versammelt sich, diskutiert offline wie online und spätestens beim Anblick des Kinder-Spielparadieses mitten in der großen Haupthalle wird klar: Das hier ist keine herkömmliche Medien-Konferenz.

    Was 2007 noch relativ klein begann, ist mittlerweile die Internetkonferenz in Deutschland schlechthin und für alle, die sich mit Netzthemen
    beschäftigen, zum Pflichttermin geworden. Die neunte re:publica, die vom 5. Bis zum 7. Mai in Berlin stattfindet, hat sich selbst das Motto "finding Europe" gegeben. Unter dieser Überschrift finden sich große Themengebiete und dementsprechend begann die re:publica auch mit starken Statements.

    Droht die Zombie-Invasion?

    So sprachen sich die Veranstalter deutlich gegen die Vorratsdatenspeicherung aus. Markus Beckedahl, netzpolitik.org-Blogger und Mitbegründer der re:publica sprach von einem "Zombie", der nun wieder zurückkehre. Ebenso deutlich positionieren sich die Veranstalter gegen die Totalüberwachung durch Geheimdienste. Es genüge nicht, nur ein paar Köpfe auszutauschen und Schuldige auszumachen, so Beckedahl.

    Auch im Kampf um Netzneutralität erlebt man auf der re:publica ein Déjàvus: Bereits zum dritten Mal ein zentrales Thema auf der Internetkonferenz. Dem zuständigen EU-Kommissar Günther Oettinger, der Befürworter der Netzneutralität gerne mal mit Taliban vergleicht, wird hier wenig zugetraut, die Erwähnung seines Namens wird meist mit ironischem Gelächter quittiert. Bürgen für eine mögliche Internet-Kompetenz von Günther Oettinger wird man hier wohl kaum finden.

    Lösungen für Europa finden

    Doch nicht nur reine Netzthemen stehen auf der Agenda, "finding Europe" bezieht sich auch auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik. Ganz deutlich wird gefordert: Die Mauer muss weg - gemeint ist die Mauer um die Festung Europa, an der Tausende Menschen scheitern und dabei umkommen.

    All diese Fragen sind eine Herausforderung für ganz Europa, und da sich die Politik bei der Beantwortung schwer tut, geht es bei der re:publica unter anderem um Ansätze für Lösungen abseits institutioneller Politik.

    Ist die Revolution gescheitert?

    Doch die Frage ist berechtigt, ob die Revolution von unten nicht gescheitert ist oder zumindest ins Stocken geraten. Wie Markus Beckedahl bereits bei der Eröffnung feststelle: "Und taglich grüßt das Murmeltier." Alljährlich wiederholen sich die Fragen, die Probleme scheinen gleich zu bleiben, wenn nicht sogar schlimmer zu werden, siehe die Folgen des NSA-Skandals, der sich mittlerweile zu einem BND-Skandal ausgeweitet hat.

    Auf der re:publica spürt man diese Mischung aus Ernüchterung, einer Art schmerzhaftem Erwachsenwerden und immer noch vorhandenem Idealismus, der sprühenden Kreativität, die den Besucher an jedem Eck, an vielen Ständen und auf den Bühnen begegnet. Re:publica-Mitgründer Andreas Gebhard sieht die Stagnation in der Netzwelt aber entspannt: "Die Digitalisierung ist ein noch immer relativ neues und komplexes Phänomen und dementsprechend wird das Aushandeln von Freiräumen auch noch Jahre in Anspruch nehmen."

    Auf die Kritik, dass immer mehr Zuschauer zur Konferenz kommen und dass manchen Vorträgen ein Einlassstopp auferlegt werden muss, entgegnet Gebhard mit der Möglichkeit, nahezu alle Speaker per Livestream oder Podcast verfolgen zu können. Mit der neunten Auflage der Konferenz ist Gebhard zufrieden. Die Planung für die Jubiläumsausgabe nächstes Jahr laufen bereits. jgö/sr