«Das ist ein Meilenstein im internationalen Recht und eine fast überraschend wirkende Einschränkung von nationaler Souveränität», erklärte Vadrot. Aline Jaeckel von der University of Wollongong in Australien sieht eine weitere Stärke des BBNJ-Abkommens darin, dass es Meeresschutzgebiete per Abstimmung und nicht nur im Konsens festlegen kann. «Dies soll verhindern, dass sich die Situation in der Antarktis wiederholt, in der einzelne Staaten die Einrichtung von Meeresschutzgebieten faktisch blockieren können.»
Werden sich denn alle Länder daran halten?
Aktuell haben 145 UN-Mitgliedstaaten das Abkommen unterzeichnet und 81 davon bereits ratifiziert. Dass es in so kurzer Zeit inklusive China und vieler Binnenländer so viele seien, sei «ein starkes Zeichen», meint Vadrot. Auch Kimberley Peters vom Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität in Oldenburg sieht in der Geschwindigkeit, mit der das 2023 verabschiedete Abkommen zustande kam, ein klares Signal: «Es wird vielleicht nicht von jedem Land ratifiziert werden, aber es gibt eindeutig die deutliche Bereitschaft vieler Nationen, etwas zu tun, und das spiegelt sich in diesem Abkommen und den Staaten wider, die es unterzeichnet haben.»
In Deutschland steht die finale Zustimmung noch aus. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD), der das Abkommen einen «möglichen Menschheitsfortschritt» nennt, geht davon aus, dass die Bundesrepublik das Abkommen bis zur parlamentarischen Sommerpause Mitte Juli ratifiziert haben wird. Zuvor ist noch der Bundestag am Zug.
Auch Österreich und die Schweiz haben den Vertrag unterschrieben, aber noch nicht ratifiziert. Ebenso sind die USA noch nicht offiziell beigetreten. «Jetzt, in der Phase der Umsetzung, ist es für den Erfolg des Abkommens umso wichtiger, dass jene Staaten, die noch nicht offiziell beigetreten sind, dies rasch tun», sagte OceanCare-Geschäftsführerin McLellan.
Die politischen Kosten für eine Nicht-Einhaltung seien mit dem Abkommen aber sehr geschärft worden, sagt Vadrot – und die Möglichkeiten, Umweltschutz durchzusetzen, sehr gestärkt. «Das Abkommen ist auch nach internationalem Recht bindend», so die Expertin. «Das heißt, dass sich Staaten einander bei Nichteinhaltung voraussichtlich vor einer speziellen Kammer beim Internationalen Seegerichtshof verklagen könnten.»
Wie geht es nun weiter?
Das Inkrafttreten sei nicht die Ziellinie, betont Johannes Müller, Ocean-Policy-Specialist bei OceanCare. «Der wahre Erfolg des Abkommens wird anhand seiner wirksamen Umsetzung, der Stärke seiner Institutionen und der Umsetzung der Schutzbekenntnisse in konkrete Maßnahmen gemessen.»
«Schutzgebiete sind mehr als Kästchen auf Karten – sie müssen aktiv verwaltet, überwacht und kontrolliert werden», betont Stefan Hain vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven. Es müsse Forschung und Prüfungen vor Ort geben – auch bei sehr küstenfernen Gebieten.
Es gebe durch den Vertrag auch neue Möglichkeiten, Vergehen zu verfolgen, sagte Vadrot. «Zusammen mit erweiterten technischen Möglichkeiten zur ferngesteuerten Überwachung durch etwa Satelliten und Drohnen gibt es schon eine recht hohe Chance, dass der Vertrag auch durchgesetzt wird.»
Helmholtz-Wissenschaftlerin Peters geht davon aus, dass das Abkommen einen Wandel hin zu großflächigen Meeresschutzgebieten mit einer Fläche von über 100.000 Quadratkilometern einläuten könnte.
Was sind Herausforderungen?
Bei der Einrichtung von Schutzgebieten darf es Peters zufolge nicht darum gehen, vom Menschen unberührte Gebiete zu schaffen. «Es gibt verschiedene Nutzer der Ozeane, und wir müssen genauer unterscheiden, wer tatsächlich Schaden anrichtet.»
Viele Menschen, die für ihren Lebensunterhalt, ihre Ernährung und ihr Überleben auf die Ozeane angewiesen seien, verstünden ihre Umwelt und wüssten, wie man sie bewahre. Traditionelle Nutzer durch Meeresschutzgebiete zu enteignen, sei ein tragischer Fehler und könne Meeresgemeinschaften sogar schaden.
Die Ursachen für die Ausbeutung der Meere lägen nicht zwingend auf See, erklärt Peters. Zu hinterfragen sei, wer die illegalen Flotten auf See schicke. «Wie bei vielen Problemen rund um die Meere liegt der Kern des Problems bei den Kräften, die hinter solchen Machenschaften stehen und die ihren Sitz möglicherweise in Bürogebäuden, Geschäftszentren oder Hinterhöfen an Land haben.» Wer den Ozean schützen wolle, müsse auch über ihn hinaus blicken.
Angelika Brandt vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum in Frankfurt sieht ein Problem in nur schwachen Durchsetzungsmechanismen: Das Abkommen verfüge bisher über keine Sanktionsmechanismen. «Verstöße bleiben de facto folgenlos, solange kein politischer Druck entsteht.» Unklar sei zudem die Finanzierung. «Ohne verlässliche, langfristige Finanzierung bleiben Monitoring, Kapazitätsaufbau und Schutzgebiete symbolisch.»