Impfgegner sind auch nach der Corona-Pandemie in sozialen Netzwerken unterwegs. Sie warnen vor angeblich schwersten Nebenwirkungen und sprechen von «Turbokrebs». Wie belastbar sind diese Behauptungen?
Insbesondere seit Beginn der Corona-Pandemie kursieren Behauptungen, Impfstoffe könnten schwere Erkrankungen verursachen. In sozialen Netzwerken wird vor angeblichem «Turbokrebs» gewarnt und aktuell eine Studie verbreitet, die einen Zusammenhang zwischen Covid-19-Impfungen und bestimmten Tumoren herstellen soll. Ein Faktencheck zur Einordnung anlässlich des Weltkrebstages am Mittwoch (4. Februar).
Auf die Frage, ob Impfungen aktuell mit schweren Erkrankungen wie Krebs in Zusammenhang stehen, antwortet der Dortmunder Immunologe Carsten Watzl mit einem deutlichen «Nein». Die Ursache der Behauptung - gerade bei Corona-Impfungen - gehe auf die Technologie der Vakzine zurück, erklärt er.
Weil diese auf der genetischen Information des Virus basieren, sei die Theorie aufgekommen, dass sich diese Erbinformation in das Genom menschlicher Zellen integrieren werde, erläutert Watzl. Das führt nach Ansicht der Impfgegner zu Mutationen, die diese Zellen angeblich zu Krebszellen machten. Obwohl es früh Erklärungsansätze gab, brauchte es dem Immunologen zufolge erst «gut gemachte epidemiologische Studien, die dies widerlegen».
Krebs durch Corona-Impfung? Studie interpretiert falsch
Frischen Wind in die Segel der Impfgegner brachte jüngst eine Studie: Die in der Fachzeitschrift «Biomarker Research» veröffentlichte Arbeit untersuchte Krebsdiagnosen an Prostata, Lunge oder Schilddrüse bei geimpften und ungeimpften Personen in Südkorea. Die Studie zeigt eine statistische Verbindung zwischen Impfung und Krebsdiagnosen. Das bedeutet aber nicht, dass die Impfung die Ursache ist. Zudem wurde bereits im Herbst 2025 eine Warnung hinzugefügt, die Ergebnisse der Studie auf methodische Mängel hin zu überprüfen.
«Geimpfte Personen sind eher älter und haben Vorerkrankungen», erklärt Immunologe Watzl. Damit gehe generell ein erhöhtes Krebsrisiko einher. Wenn es zu häufigeren Arztbesuchen und Vorsorgeuntersuchungen kommt, werden mögliche Erkrankungen wie Krebs früher entdeckt. Das erklärt, warum in den Daten der Studie mehr Diagnosen bei geimpften Personen auftauchen. Diese wurden jedoch nicht durch die Impfung ausgelöst, sondern lediglich früher erkannt. Die Autoren der Studie erwähnen diesen Effekt selbst. Die südkoreanische Studie wurde von Fachleuten weltweit kritisch bewertet.
Watzl verweist auf eine andere Studie aus Frankreich, bei der geimpfte und ungeimpfte Personen besser vergleichbar waren. Resultat: Die krebsbedingten Todesfälle in der Gruppe der Geimpften waren nicht erhöht.
Medizinische Fehlinformationen: Wer will was bezwecken?
Wer hinter solchen Behauptungen steckt und was die Verbreiter damit bezwecken wollen, beantwortet der Hamburger Rechtsanwalt Jan-Henning Steeneck in seiner Doktorarbeit «Medizinische Fehlinformationen in den sozialen Medien» (2025). Als Verfasser der Mythen identifiziert der Jurist überwiegend Gesundheitslaien und Amateure, die Inhalte ohne medizinische Qualifikation und redaktionelle Standards erstellen. Steeneck bezeichnet sie als «neue Akteure der Wissenschaftskommunikation». Sie organisieren sich in sozialen Netzwerken.