Wenn es ernst wird, vertrauen die Menschen ihrem Arzt, er wird schon richtig entscheiden. In Hannover steht ein Arzt als Mordverdächtiger vor Gericht. Seine Anwälte sagen: Er wollte Leiden lindern.
Schwer kranke Patienten, die unter Qualen leiden, Ärzte, die um ihr Leben ringen - und ein Mediziner, der ihnen Medikamente gibt und sie damit tötet. Das wird einem Arzt der Medizinischen Hochschule Hannover vorgeworfen, er steht nun vor Gericht. Der 49-Jährige ist wegen Mordes sowie versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung angeklagt.
Wollte er die Menschen wirklich töten? Seine Verteidiger schätzen den Fall völlig anders ein als die Ermittler: Ihr Mandant habe den Patienten Qualen ersparen wollen, er sei ein verantwortungsvoller Arzt.
Strafbar oder nicht?
Sein Mandant habe sich nicht strafbar gemacht, sagte Rechtsanwalt Jürgen Hoppe zu Prozessbeginn am Landgericht Hannover. «Diese Vorwürfe treffen nicht zu.» Alle drei Patienten, um die es in dem Prozess gehe, seien «am Ende ihres Lebens angekommen» gewesen. Der Arzt habe «palliative Sedierungen» vorgenommen, die «alternativlos»gewesen seien. Er habe unter Beachtung medizinischer Standards und des geltenden Rechts gehandelt. Der angeklagte Deutsche, ein grauhaariger Mann in weißem Shirt, lächelt immer wieder ins Publikum.
Was wird dem verheirateten Mediziner genau vorgeworfen? Laut Anklage soll er als Notarzt versucht haben, eine Patientin zu töten und im Krankenhaus zwei schwer kranke Patienten getötet haben - und zwar im Mai 2019, im Juni 2020 und im März 2025. Er sitzt in Untersuchungshaft.
Die drei Verteidiger kündigten an, ihr Mandant werde sich einlassen und auch Fragen beantworten - beim nächsten Verhandlungstermin am 23. Juli.
Als Notarzt im Einsatz
Die Staatsanwältin warf ihm vor, er sei am 17. Mai 2019 als Notarzt zu einer 82-Jährigen gerufen worden, die an einer Gehirnerkrankung mit Demenz sowie den Folgen eines Schlaganfalls und einer Lungenentzündung gelitten habe. Die Frau soll unruhig und psychotisch gewesen sein - schließlich soll der 49-Jährige beschlossen haben, sie nicht in eine Klinik einzuweisen, sondern zu töten. Er soll ihr Morphin in hoher Dosierung und Beruhigungsmittel gegeben haben, schließlich auch fünf Ampullen des Schmerzmittels Fentanyl. Dann soll er gemeldet haben, die Patientin sei gestorben.
Allerdings sei die Kranke nur eingeschlafen, sagte die Staatsanwältin. Er soll der 82-Jährigen drei weitere Ampullen Fentanyl gegeben haben, weil er gewollt habe, dass sie in seiner Gegenwart stirbt. Die Frau starb schließlich in der folgenden Nacht.