Im Garten eigenes Gemüse ernten und damit kochen, zu Hause lesen, stricken, entspannen anstatt Party oder Karriere: Auf Social Media trendet der Oma-Lifestyle. Wieso? Und wie realitätsnah ist das?
Rosella Mercuri rollt gekonnt den Nudelteig aus, immer und immer wieder, bis er so dünn ist, dass man durchschauen kann. «Ich mache alles selbst», sagt die 78-jährige Italienerin. «Schon immer.» Sie gibt gerade einen Kochkurs: «Nudeln machen mit Oma» heißt er und zieht Touristen an, die in Rom von «Nonna Rosi» lernen wollen.
Der Lebensstil von italienischen Omas ist gerade beliebt. Auf sozialen Netzwerken wie Instagram und TikTok trendet der Begriff «Nonna Maxxing» (auch Nonnamaxxing geschrieben) - also «Oma-Maximierung». Es geht darum, das eigene Leben möglichst so zu gestalten wie das einer italienischen Oma (einer Nonna).
Gerade junge Frauen posten viel dazu. Eine Nutzerin schreibt etwa «forget hot girl summer, I want happy italian nonna summer» (Vergessen wir den Hot-Girl-Sommer-Trend, ich will den Sommer einer glücklichen italienischen Oma).
Wieso ist es plötzlich cool, wie eine 70-Jährige zu leben? Friederike Herrmann ist Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaft
an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Sie sagt: «Ich würde Nonna-Maxxing zunächst als Gegenentwurf zu den Vorstellungen von Selbstoptimierung und Sichtbarkeit verstehen, die insbesondere auf Social Media transportiert werden.» Allerdings lasse sich der Trend auch als ein seit Generationen vertrautes Muster verstehen: «Die Sehnsucht nach dem einfachen und nicht entfremdeten Leben, als Alternative zu Kapitalismus und Leistungsgesellschaft.»
Von wegen Entspannung: «Ich habe einen Haufen Jobs gemacht»
Doch die romantische Vorstellung des Dolce Vita geht oft an der Realität vorbei. Das Leben von Mercuri, wie auch von vielen anderen Frauen ihrer Generation, war und ist alles andere als entspannt. Einfach mal nichts tun war für sie nicht drin: Schon als Jugendliche war sie Erntehelferin, hat Trauben, Pfirsiche und Oliven gepflückt. Danach bekam sie einen Job in einem Obstladen, dann in einer Pilzhandlung. Von Job zu Job lebte sie. Die Arbeitszeiten überschritten oftmals zwölf Stunden am Tag. «Ich habe einen Haufen Jobs gemacht, sehr viel gearbeitet», sagt Mercuri.
An der Zufriedenheit ist etwas dran
«Aber mich hat das nicht ermüdet.» Mercuri hält sich beschäftigt. «Ich mache alles Mögliche.» Sie sei gerne unter Menschen. Deshalb steht sie auch jetzt, im Alter von 68 noch in der Küche und werkelt - sei es zu Hause oder im Colleggio Bistrot vor Touristen.
Die vermeintliche Gelassenheit der italienischen Omas kann Mercuri bestätigen. «Die Erfahrung macht viel.» Früher habe sie sich zu viele Sorgen gemacht und sich weniger getraut, alles in sich hineingefressen. «Heute sage ich, was ich denke.» Man müsse sich von der Seele reden, was einen beschäftigt. Sie sieht die Vorteile des Alters.