Wenige Jahre später aber fielen fast 10.000 Königsberger - und damit ein Viertel der Bevölkerung - der großen Pest zum Opfer. Noch ein paar Jahrzehnte später eroberten die Russen Königsberg im Siebenjährigen Krieg. Von 1758 bis 1762, als der neue Zar Peter III. Ostpreußen freiwillig an Friedrich II. zurückgab, stand die Stadt unter russischer Herrschaft.
Doch so schlimm getroffen wie im Zweiten Weltkrieg wurde Königsberg nie zuvor. Die Deutschen hatten unter Adolf Hitler den Krieg begonnen, wollten «Lebensraum im Osten» erobern, brachten Vernichtung und Zerstörung über ihre Nachbarvölker. Doch ebendiese Geißel verkehrte sich am Ende gegen die Deutschen selbst - besonders in Königsberg.
Königsberg im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört
1944 zerstörten britische Luftangriffe die Altstadt praktisch gänzlich. Auch das Schloss, die Universität und den Dom verwandelten sie in ein Trümmerfeld. Die Schlacht um das zur Festung erklärte Königsberg vernichtete das, was noch übrig war.
Als die Rote Armee im April 1945 in Königsberg einmarschierte, waren nur noch Ruinen da. Lebten vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mehr als 360.000 Menschen in der Stadt, waren es zu Kriegsende weniger als 50.000. Sie mussten Zwangsarbeit leisten, viele starben an Hunger und Entkräftung, die letzten Deutschen wurden 1948 aus Ostpreußen vertrieben.
Sowjetdiktator Josef Stalin, der sich in der Konferenz von Potsdam den nördlichen Teil Ostpreußens als Kriegsbeute gesichert hatte, ließ Russen an der Ostsee ansiedeln. Er gliederte die zunächst Kjonigsbergskaja Oblast genannte Region dabei bewusst Russland an und nicht etwa dem ebenfalls zur Sowjetunion gehörenden Litauen. Politisch galt die Baltenrepublik, die Moskau sich erst wenige Jahre zuvor im Hitler-Stalin-Pakt angeeignet hatte, als unzuverlässig.
Umbenennung nach sowjetischem Parteiführer
Ostpreußen sollte den militärischen Einfluss des Kremls in Europa absichern - auch deswegen wurde der Marinehafen in Pillau weiter ausgebaut und zum Hauptstützpunkt der sowjetischen Ostseeflotte gemacht.
Doch um den Anspruch auf die strategisch wichtige Region zu untermauern, brauchte es noch einen Namenswechsel. Pillau wurde zu Baltijsk, und die Gebietshauptstadt Königsberg erhielt am 4. Juli 1946 nach dem Tod des russischen Parteifunktionärs Michail Kalinin den Namen Kaliningrad.
Dabei hatte Kalinin, von 1923 bis 1946 formelles Staatsoberhaupt der Sowjetunion, überhaupt keine Verbindungen zu der Stadt. Die Vergabe von Namen toter oder sogar lebender Parteigrößen war aber zu Sowjetzeiten gerade unter Stalin weit verbreitete Praxis.
Zu Ehren Stalins wurden sechs Städte umbenannt; die bekannteste war Stalingrad, das heutige Wolgograd. Aber auch Kalinins Namen trugen fünf sowjetische Ortschaften. Die neben Kaliningrad bekannteste Stadt war Kalinin, das heutige Twer.
Im Gegensatz zu Twer bekam Kaliningrad in der Perestroika seinen alten Namen nicht zurück. Zwar gab es auch hier viele Stimmen, die sich für eine Rückbenennung aussprachen. Doch Moskau war ein solches Manöver zu brisant, um gar nicht erst Gedanken an eine Rückgabe der Exklave an Deutschland aufkommen zu lassen. Stattdessen wurde längere Zeit tatsächlich ernsthaft über die Alternative Kantgrad diskutiert.
Kantgrad als Alternative?
Hintergedanke war nicht nur die Ehrung des berühmtesten Sohnes der Stadt, sondern auch der Wunsch, Brücken nach Europa zu bauen. Der Zerfall der Sowjetunion hatte Kaliningrad quasi zu einer Insel gemacht, die Bewohner orientierten sich am Westen. Moskau versuchte, Kaliningrad zu einer Pilotregion, zum neuen «Fenster nach Europa» aufzubauen.
Davon profitierte das Gebiet eine Zeit lang. Es gab eine Zug- und eine Flugverbindung nach Berlin. Und auch die vorsowjetische Geschichte erfuhr neues Interesse. Enthusiasten bauten den seit dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern liegenden Dom - auch mit deutscher Hilfe - wieder auf.
Die mit der russischen Annexion der Krim 2014 zunehmende Konfrontation beendete die beidseitigen Annäherungsversuche. Aus der Brücke wurde eine Festung. Kaliningrad ist heute so stark militärisch aufgerüstet wie zuletzt zu Sowjetzeiten. Die deutsche Geschichte ist offiziell in Kaliningrad heute nicht mehr gefragt - nur die Einwohner nennen die Stadt weiter liebevoll «Kenig».