Riesiges Özil-Plakat im Dorf der Eltern: In Devrek, einem kleinen Dorf am schwarzen Meer, prangt seit Dienstag (24. Juli 2018) ein riesiges Plakat von Ex-Nationalspieler Mesut Özil mit dem türkischen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Nach Özils Rücktritt aus dem DFB-Team ließ der örtliche Bürgermeister am Dienstag ein Plakat Mesut Özils im Trikot der deutschen Nationalmannschaft gegen ein Plakat austauschen, dass Özils umstrittenen Fototermin mit Staatspräsident Erdogan zeigt.


AKP-Bürgermeister verfolgt Özils Situation "mit Bedauern"

Devrek ist das Heimatdorf von Özils Eltern. Das aufgehängte Plakat enthält drei Pfeile am Bildrand, die in Richtung der "Mesut-Özil-Straße" zeigen. Die Straße trägt seit 2012 den Namen des Profis von Arsenal London.
Gegenüber der türkischen Nachrichtenagentur DHA sagte Bürgermeister Mustafa Semerci: "Mesut ist unser Stolz. Er hat der deutschen Nationalmannschaft einen wichtigen Dienst erwiesen." Er habe "mit Bedauern" verfolgt, was dem 29-Jährigen gerade widerfahre. Bürgermeister Semerci ist treuer Anhänger der islamisch-konservativem AKP, Erdogans Partei.


Erdogan: "Ich küsse seine Augen"

Nachdem Mesut Özil am Sonntag (22. Juli 2018) seinen Rücktritt aus der DFB-Elf verkündet hatte, warf der Deutsch-Türke dem deutschen Verband Rassismus und DFB-Funktionären Versagen in der Organisation vor. Seine türkischen Wurzeln seien nicht respektiert worden. In den Augen des türkischen Staatspräsidenten hatte Özils Verhalten durchweg positive Aspekte: In einem nächtlichen Telefonat sagte Erdogan dem 29-Jährigen Ex-Schalker seine Unterstützung zu. Darin begrüßte er den Rücktritt des Arsenal-Profis. Zudem kommentierte er die Entwicklung im türkischen Parlament: "Ich habe vergangene Nacht mit ihm gesprochen. Seine Haltung ist national und patriotisch. Ich küsse seine Augen. Ich stehe hinter Mesut aufgrund seiner Äußerungen." Man könne diese rassistische Haltung gegenüber dem jungen Mann nicht hinnehmen, "der so viel Schweiß für den Erfolg der deutschen Nationalmannschaft vergossen" habe.

Der DFB hatte zuletzt Rassismus-Vorwürfe zurückgewiesen.


Kommentar: Was hat Erdogan mit Özil vor?

Offenkundig hat Erdogan es geschafft, Özil für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Mit Özils Solidarisierung, wird die Situation vieler Türken in Deutschland nicht zwangsläufig einfacher: Viele Menschen mit deutscher Nationalität und türkischen Wurzeln fühlen sich einem Dilemma ausgesetzt.

Unklar ist, was Erdogans weitere Absichten sind: Möglicherweise geht es ihm darum, den Rückhalt vieler Türken in Deutschland zu stärken. Hierzu äußerte sich CDU-Politiker Paul Ziemak zuletzt: "Egal wie man zu dem damaligen Foto von Özil und Gündogan und der aktuellen Debatte steht: Präsident Erdogan soll aufhören, sich in Deutschland einzumischen!"

Zusätzlich wäre es möglich, dass der türkische Staatspräsident auf die Fußball-Europameisterschaft 2024 schielt. Am 27. September 2018 fällt die Entscheidung, welches Land das europäische Spitzenturnier ausrichtet. Bislang galt Deutschland als Favorit. Jedoch könnte die Özil-Affäre dem DFB zum Stolperstein werden.

Innenexperte Wolfgang Bosbach (CDU) sieht die Situation kritisch: "Ausgerechnet jetzt, satte zehn Wochen nach dem Treffen mit Erdogan, erhebt Mesut Özil Rassismus-Vorwürfe gegenüber dem DFB und wird von Erdogan für seinen Rückzug in höchsten Tönen gelobt. Gerade jetzt, wo der DFB in ganz besonderer Weise auf das Vertrauen der anderen UEFA-Verbände angewiesen ist. Das soll alles zeitlich nur ganz zufällig sein? Es gibt Zufälle, an die muss man nicht unbedingt glauben."