Mehr als 300 Anrufe und 170 E-Mails erreichten die britischen Ermittler am Montagabend während und nach der Sendung "Crimewatch". Darunter, so Chefermittler Andy Redwood, seien sehr konkrete Hinweise gewesen. Unter anderem behaupteten zwei Anrufer einen Verdächtigen zu kennen und nannten sogar Namen.
Später meldeten sich noch weitere. "Wenn sich mehrere Menschen melden und den gleichen Namen sagen, dann ist das immer wichtig für die Ermittlungen", zitiert BBC auf ihrer Internetseite Joe Mather, den zuständigen Redakteur der Sendung.


Überrascht von den Zuschauerreaktionen

Am Tag nach der Sendung zeigten sich die Fernsehverantwortlichen von der Zahl der Zuschauerreaktionen überrascht. Offenbar hatten sich viele Briten gemeldet, die zwar zu Tatzeit in Portugal Urlaub gemacht hatten, sich aber bisher nicht mit der Polizei in Verbindung gesetzt haben

Wie die BBC auf ihrer Internetseite weiter berichtet, gehen die Ermittler mittlerweile davon aus, dass ein zunächst verdächtigter Mann mit großer Wahrscheinlichkeit nichts mit dem Verschwinden der kleinen Maddie zu hat. Eine Freundin der Familie hatte gesehen, wie er in der Nähe des Apartements der Familie McCann ein kleines schlafendes Mädchen über die Straße getragen hat. Nach dem neuen Stand der Erkenntnisse holte er wohl seine eigene zweijährige Tochter aus einer Krippe ab.

Die filmische Rekonstruktion der Ereignisse am Abend des Verschwindens von Maddie zeigte am Montagabend fast 25 Minuten lang, wie die Ermittler die neuen Fakten auslegen und zu einem neuen Ablauf zusammenfügten. Der Film wird in den Niederlanden und am Mittwochabend in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY" gezeigt werden, weil Scotland Yard glaubt, das Touristen aus diesen Ländern Hinweise geben könnten.

Hinweise verspricht sich auch die Metropolitan Police, die auf ihrer Internetseite alle Erkenntniss detailiert auflistet und die Bevölkerung auffordert, bei der Suche mitzuhelfen.

Zuvor hatte die britische BBC für die abendliche Sendung "Crimewatch" geworben und mehrfach betont, dass der Fall über das Verschwinden der kleinen Madeleine McCann die ganze Welt bewegt hat und immer noch fasziniert.

Dass auch nach über sechs Jahren das öffentliche Interesse nicht nachgelassen hat, zeigte die Reaktion der britischen Zuschauer. Gegen Ende der Sendung konnte Chefermittler Andy Redwood verkünden, dass zwei Anrufer unabhängig voneinander einen Mann erkannt haben - und ihn namentlich kennen wollen. Insgesamt waren hunderte Anrufe alleine zu diesem Fall eingegangen.


Minutiöses Vorgehen

Der Sendung zufolge haben die besten Ermittler, die Scotland Yard aufzubieten hat, seit Juni diesen Jahres alle verfügbaren Informationen noch einmal gesichtet und komplett neu bewertet. Ihre Ergebnisse präsentierten die Ermittler mit Hilfe des Fernsehteams. Was die Fernsehzuschauer zur besten britischen Sendezeit zu sehen bekamen, war nicht nur ein spannender Thriller. Die Rekonstruktion des Falls ließ in ihrem minutiösen Vorgehen erahnen, wie akribisch die Experten jedes einzelne Puzzleteil umgedreht und zu einem neuen Bild zusammengesetzt haben. Herausgekommen ist auch der unterschwellige Vorwurf an die portugiesischen Kollegen vor Ort, nicht genau und vielleicht auch nicht schnell genug gehandelt zu haben.

"Bitte melden Sie sich!" rufen Moderatoren, aber auch der britische Chefermittler Andy Redwood gleich zu Beginn die Öffentlichkeit auf und bitten darum, Hinweise zu geben. Sie wenden sich damit aber auch an Männer, die am Abend von Madeleines Verschwinden, aber auch schon ein paar Wochen vorher rund um den Appartementkomplex gesehen wurden. Im Rückblick scheinen sie sich verdächtig gemacht zu haben, weil sie auf dem Balkon einer anscheinend leeren Wohnung gesehen wurden, weil einer von ihnen irgendwie verdächtig auffällig in Richtung der Wohnung geschaut hat, die die McCanns gemietet hatten. Außerdem wurden in den Wochen vor Madeleines Verschwinden rund um den Ferienclub Einbrüche gemeldet. Eine Tatsache, die Redwood heute vermuten lässt, dass Madeleine möglicherweise einen Einbrecher gestört haben könnte.


Neuer Ablauf der Ereignisse

Die neuen Erkenntnisse, mit denen die Ermittler nun an die Öffentlichkeit gehen, beruhen auf einem neuen Ablauf der Ereignisse an jenem Abend. Die Experten glauben, dass ein Mann, der gegen 22 Uhr ein schlafendes Mädchen Richtung Strand getragen hat, eine wichtige Rolle bei der Aufklärung spielen könnte. Bisher sagte eine Freundin der Familie, sie hätte bereits eine Dreiviertelstunde vorher ebenfalls einen Mann mit einem Kind im Arm gesehen - eine Beobachtung, die allem Anschein nach nichts mit dem Fall Madeleine zu tun hat und in der Lesart der Polizisten lediglich eine zufällige Übereinstimmung ist.

Die filmische Rekonstruktion der Ereignisse wurfen in "Crimewatch" eingebettet in Interviews mit Madeleines Eltern, Kate und Gerry McCann, die nie aufgehört haben, das Verschwinden ihrer Tochter im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu halten. Und auch jetzt nutzen sie die Gelegenheit, auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen, zu betonen, dass sich vor sechs Jahren ihr Leben komplett verändert hat. Madeleine war "ein so schönes Mädchen, wir hatten alles, wovon wir jemals geträumt haben", sagt die Mutter sichtlich bewegt. Natürlich hätten sie sich Vorwürfe gemacht, die Kinder an dem Abend alleine gelassen zu haben. Doch das alles bringe ihre Tochter nicht zurück. Jetzt aber hätten sie endlich wieder Hoffnung, dass sie Madeleine endlich finden könnten.

Weil eine Spur auch nach Deutschland führen könnte, wollen die die Ermittler von Scotland Yard am Mittwochabend ab 20.15 Uhr in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY - ungelöst" die deutschen Fernsehzuschauer um Mithilfe bitten.

Einen Ablauf und eine Übersicht über den Tatort hat die BBC auf ihrer Internetseite zusammengestellt.