Marie-Luise Vollbrecht ist Doktorandin an der Humboldt-Universität in Berlin. Sie forscht über das Verhalten von Fischen. Bei der Langen Nacht der Wissenschaft der Humboldt-Uni hat sie sich bemüßigt gefühlt, einen Vortrag zu halten über die Unabdingbarkeit der Zweigeschlechtlichkeit. Dagegen hab es Protest, etwa durch den „Arbeitskreis kritischer Jurist*innen“. Die Uni sagte den Vortrag zunächst ab, aus Sorge, eine Eskalation würde einen geregelten Ablauf der Langen Nacht der Wissenschaft „überschatten“. 

Nun wurde der Vortrag doch nachgeholt, am 14. Juli. Großes Medienaufkommen und sogar Polizeipräsenz begleiteten einen Vortrag, den auch der Doktorvater der bisher unbekannten Biologin Vollbrecht als "unterkomplex" bezeichnete. Die Doktorandin Marie-Louise Vollbrecht sorgte direkt im Vorfeld ihres Vortrags für den nächsten Eklat: Sie wollte nicht an einer anschließenden Podiumsdiskussion teilnehmen. Als Gründe nannte sie unter anderem, es seien zu viele Personen für das Podium eingeladen und die Zusammensetzung sei unausgewogen.

Vortrag über Geschlechter nachgeholt - Eskalation bleibt aus 

Der Vortrag selbst, den Vollbrecht bereits bei Youtube gehalten hatte, war am Donnerstag bereits nach einer halben Stunde vorüber. Fragen wollte die Doktorandin nicht beantworten, dafür sei keine Zeit, so Vollbrecht. Dann blieb sie aber doch, um noch ein paar Fotos etwa mit Unterstützer*innen zu machen. 

Außerdem musste Vollbrecht weiter, denn anstatt an der Podiumsdiskussion teilzunehmen, bei der sie wohl zu viel Gegenwind fürchtete, "diskutierte" sie lieber noch am Donnerstagabend auf Youtube mit zwei Mitautoren ihres transfeindlichen Welt-Artikels, Philosoph Uwe Steinhoff und Kinderpsychologe Alexander Korte. Das sorgte für vielfältige Kritik, denn die viel zitierte und so heftig verteidigte Wissenschaftsfreiheit beinhaltet ja eigentlich kontroverse Diskussion und nicht das Flüchten in die eigene Blase, wo kein Widerspruch zu füchten ist. 

Was damit klar geworden sein dürfte: Die Aktion war für Vollbrecht und ihre Mitstreiter*innen ein voller Erfolg. Wochenlang bekamen sie die volle Aufmerksamkeit der Massenmedien und konnten den Diskurs bestimmen. Entgegen der Aussage der Humboldt-Universität, die sich etwa von den Aussagen Vollbrechts in deren Welt-Artikel distanzierte, hat man diesem Gedankengut nun zu maximaler Reichweite verholfen. 

Die Vermutung, dass der Vortrag nicht ganz ohne Hintergedanken angemeldet worden war, zeigt Kritik, die inzwischen im Internet laut wird. So hat eine Mitstreiterin im Kampf gegen Trans-Rechte von Marie-Louise Vollbrecht, die umstrittene Grünen-Politikerin Eva Engelken, bereits vor der tatsächlichen Absage des Geschlechter-Vortrags und vor den Protesten, auf Twitter geschrieben:  „Helfen Sie mit, dass eine Frau und Wissenschaftlerin bei der Langen Nacht der Wissenschaften in Berlin frei reden kann.“ Hier wurde wohl bereits mit dem Skandal kalkuliert und womöglich war genau diese Eskalation das Ziel. So war es möglich, das Märchen von der "Cancel Culture" massenwirksam und mit Millionenreichweite zu erzählen. 

 

 

Vortrag abgesagt: Humboldt-Universität distanziert sich von transfeindlichen Äußerungen

Kurz nach der Absage Anfang Juli waren jene alarmiert, die sich auch gerne über angebliche „Frühsexualisierung“ im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk ereifern und hinter jeder Ecke eine Verschwörung böser woker Queer-Aktivist*innen vermuten. Die Erzählung der „Cancel Culture“ wurde eifrig aufgegriffen und wie es sich für brutal gecancelte Menschen aus der rechts-konservativen Ecke gehört, bekam Frau Vollbrecht eine Menge mediale Aufmerksamkeit. Ihr Vortrag, den sie auf einen Youtube-Kanal verlegte, wurde von der Bildzeitung angepriesen und alle überregionalen Medien berichteten über den Fall, teilweise mit völlig verzerrtem Opfermythos einer zum Verstummen gebrachten Wissenschaftlerin. 

Die Humboldt-Universität hat sich allerdings auch von den Meinungen der Doktorandin distanziert, die sie in bester Manier einer verkannten Wissenschaftlerin, bereits massenwirksam in der Zeitung „Die Welt“ am 1. Juni zum Besten geben durfte, zusammen mit einigen anderen Kämpfer*innen für Zweigeschlechtlichkeit und gegen geschlechtliche Vielfalt. Zum transfeindlichen Artikel, an dem Marie-Luise Vollbrecht mitgeschrieben hatte, sagte die Humboldt-Uni: „Sie stehen nicht im Einklang mit dem Leitbild der HU und den von ihr vertretenen Werten. Die HU hat sich dem wechselseitigen Respekts vor dem/der Anderen' verpflichtet. Wir distanzieren uns daher von dem Artikel und den darin geäußerten Meinungen ausdrücklich.“ Das passt nicht so gut ins Narrativ der armen Kämpferin für Wissenschaft und Aufklärung, die von Linksradikalen beinahe mit Gewalt gehindert wurde, für die Wahrheit zu kämpfen. Medien von FAZ bis Bild im Einklang mit rechten Blogs wie „Tichys Einblick“ stilisieren sie zur deutschen Kathleen Stock und wollen mit aller Gewalt zeigen, dass „linke Aktivisten“ mit ihrem „Gesinnungsterror“ den „normalen Menschen“ ihre Weltsicht „aufzwingen“ wollen. 

Eine Hetzkampagne im Schafspelz der Wissenschaft

Was die schnell empörten Streiter*innen wider den „woken Gesinnungsterror“ aber gerne verschweigen, ist, dass der Vortrag an sich völlig ungeeignet war: Weder war er dazu angetan, im Rahmen einer „Langen Nacht der Wissenschaft“ wissenschaftliche Inhalte auch für die interessierte, breite Masse aufzubereiten, noch war er wissenschaftlich von irgendeinem Wert. Der Glaubenssatz „Es gibt nur zwei Geschlechter“ mag zwar schmissig daherkommen und geht auch konservativen Kolumnist*innen leicht von den Lippen, ist aber so nicht haltbar und wissenschaftlich völlig überholt.

So zu tun, als würde man mit dieser These eine wissenschaftliche Debatte sinnvoll befeuern, ist in etwa so, als würde man gerne noch mal darüber diskutieren wollen, ob nun die Erde um die Sonne kreist oder ob Viren existieren. Das sind Debatten vergangener Jahrhunderte, deren Wiederholung die Wissenschaft um keinen Millimeter weiterbringt – im Gegenteil. 

Was dann noch übrig bleibt, ist der Versuch einer Aktivistin, ihre Ansichten mehr oder weniger subversiv im Schafspelz eines wissenschaftlichen Vortrags unters Volk zu bringen. Dabei war die Eskalation sicherlich Teil des Plans – eine Win-Win-Situation sozusagen. Hätte der Vortrag stattgefunden, hätte sie dies als Erfolg gefeiert. Im Fall der Absage und des Protests kann die „Cancel Culture“-Maschinerie angeworfen werden und alle Welt redet über unwissenschaftlichen Unfug, als wäre er tatsächlich Gegenstand des wissenschaftlichen Diskurses. Das nennt man übrigens "false balance" – sehr beliebt auch bei wissenschaftsfeindlichen Klimaleugner*innen und sogenannten Querdenker*innen

Zweigeschlechtlichkeit - ein Konzept von vorgestern

Der Vergleich wirkt absurd und deplatziert? Wohl nur, wenn man die sonstigen Umtriebe der nun angeblich gecancelten Doktorandin der Meeresbiologie nicht kennt. Auf Twitter ist sie als „Frau Summer“ unterwegs und macht dort vor allem mit vor allem transfeindlichen Ausfällen auf sich aufmerksam. Da fantasiert sie zum Beispiel auch über Kastrationen mit „rostiger Gartenschere Stück für Stück“ oder unterstellt regelmäßig allen trans Menschen Pädophilie. Dafür erhält sie Applaus, auch von rechten Trollen und aus den Reihen der AfD. Diese Verbindungen und Überschneidungen bereiten ihr und ihren Mitkämpfer*innen aber offenbar keine Sorge. 

Es braucht nicht viel Fantasie, um den Vorfall in einem Zusammenhang mit dem kürzlich in seinen Eckpunkten präsentierten Selbstbestimmungsgesetz zu sehen. Dieses soll nach dem Willen der Ampel das in Teilen verfassungsfeindliche Transsexuellengesetz ablösen und bis Mitte 2023 in Kraft treten. Für rechte und konservative Kreise, die am Glauben an die zwei Geschlechter festhalten wollen, natürlich ein Gräuel, dass der deutsche Rechtsstaat in diesem Aspekt endlich in der Realität ankommt. 

Man darf sich also darauf einstellen, dass solche inszenierten Skandale wie der angebliche Gesinnungsterror an der Humboldt-Uni verstärkt auftreten werden. Die Medienkampagnen werden häufiger und heftiger werden. Marginalisierte werden noch einige Monate vielen Angriffen ausgesetzt sein, bis sie wenigstens ein bisschen mehr Rechtssicherheit haben. Wer sich unterdessen über die komplexe und wunderschöne Welt der Biologie informieren will, ist gut beraten, sich in Artikeln und Büchern zu informieren, die den Stand der Wissenschaft und deren aktuelle Debatten widerspiegeln. Randständige Ansichten von vorgestern gehören nicht dazu und das ist auch gut so. 

Die Medien und ihre Verantwortung

Wie man auch an diesem Fall sehen kann, kommt Medien mit ihrer Berichterstattung über komplexe Themen eine große Verantwortung zu. Wie man über Themen berichtet, die etwa Marginalisierte betreffen, kann über den Fortgang des gesellschaftlichen Diskurses mitentscheiden. 

Bundesverband Trans* (BVT* e. V.), Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti e. V.), TransInterQueer (TrIQ e. V.) und Inter*Trans*Beratung Queer Leben haben daher eine Petition gestartet und richten sie an alle deutschen Medienschaffenden. Ziel ist es, Aufklärung über transfeindliche Berichterstattung zu schaffen. Hierzu wurde auf der Plattform innn.it eine Petition ins Leben gerufen, die bereits mehrere Tausend Menschen unterschrieben haben, darunter auch viele Inititativen und Institutionen. Auf der Seite heißt es etwa:

"Meinungsfreiheit ist ebenso wie die Würde des Menschen höchstes Gut für eine demokratische Gesellschaft. Sie umfasst allerdings nicht nachprüfbar unwahre Tatsachenbehauptungen und sie endet mit der Verletzung der Menschenwürde. Genau hier setzt die Verantwortung der Medien für eine tatsachenbasierte und menschenwürdige Berichterstattung ein. Deswegen appellieren wir an Medien, abwertende Meinungsäußerungen nicht unhinterfragt zu übernehmen."

Ziel von "Transmedienwatch" ist es, für eine respektvolle und menschenwürdige Berichterstattung einzutreten. Die Initator*innen der Petition weisen nämlich auf die Beispiele in den USA und Großbritannien hin, wo transfeindliche Berichterstattung immer häufiger in großen Medien verbreitet wird und zu einer Radikalisierung von Gesetzen und gesellschaftlicher Stimmung beiträgt. Diesen Tendenzen in Deutschland will man entgegenwirken. Auf der Petitionsseite bei innn.it können Privatpersonen und Institutionen ihre Unterstützung kundtun.