Virologe Christian Drosten hat erneut eine endemische Phase in Aussicht gestellt, in der Corona das Gesundheitssystem weniger stark belasten wird, als dies derzeit noch der Fall ist. „Das Virus muss irgendwann laufen“, erklärte der Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité kürzlich. Mit seiner Aussage bezieht er sich auch auf die Notwendigkeit zukünftiger Auffrischungsimpfungen.

Im Fall einer Endemie würden die Infektionen nur einzelne Regionen oder Populationen betreffen, aber ansonsten eingedämmt sein. Dies sei laut Drosten eine Möglichkeit, die Pandemie zu beenden, ohne dass ständige Auffrischungsimpfungen notwendig wären, sagte der Virologe am Freitag (14. Januar 2022) im Rahmen der Bundespressekonferenz.

Christian Drosten: "Das Virus muss sich verbreiten"

„Wir werden ja nicht auf Dauer die gesamte Bevölkerung nachimpfen können, um damit eine Bevölkerungsimmunität zu erhalten. Das geht nicht“, machte Drosten deutlich. Alle Menschen müssten sich früher oder später infizieren. "Wir müssen in dieses Fahrwasser rein, es gibt keine Alternative. Das Virus muss sich verbreiten, aber eben auf Basis eines in der breiten Bevölkerung verankerten Impfschutzes", erläuterte der Virologe. Sonst würden "zu viele Menschen sterben". Die abgeschwächte Infektion auf dem Boden der Impfung sei so etwas wie ein fahrender Zug, auf den man aufspringt. "Irgendwann muss man da aber auch mal drauf springen, sonst kommt man nicht weiter."

Bei einer Infektion mit dem Corona-Virus entstehen im Körper Antikörper sowie Gedächtniszellen, mit denen sich das Immunsystem schützt. Das gilt auch für Omikron: Mittlerweile dominiert die Virusvariante in Deutschland. Je mehr Menschen sich damit infizieren, desto weiter verbreite sich auch die Immunität dagegen. Drosten schließt daraus, dass sich jeder mit Omikron anstecken müsse, um die Pandemie einzudämmen. So könne Deutschland laut Drosten noch 2022 die Endemie erreichen.

Doch eine Infektion würde sich bei Geimpften und Ungeimpften unterschiedlich auswirken: Während eine bereits erfolgte Impfung nicht nur einen schweren Krankheitsverlauf verhindern kann, werde der Immunschutz sogar noch verstärkt. Das gilt zwar auch für Ungeimpfte, bei ihnen ist der Krankheitsverlauf aber meist schwerer – oder kann sogar tödlich sein.

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In der Pandemie-Bekämpfung stelle die Zahl der Ungeimpften – vor allem unter älteren Menschen – aber das „größte Hindernis“ dar, sagte Drosten. Denn bei den Risikogruppen sei die Wahrscheinlichkeit eines schweren Krankheitsverlaufs bei einer Durchseuchung noch größer.

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Drosten sieht in der milder verlaufenden Omikron-Variante des Coronavirus eine "Chance" und macht Hoffnung auf ein Leben wie vor der Pandemie. Auf die Frage, ob "wir jemals wieder so leben werden wie vor der Pandemie", sagte der Wissenschaftler dem "Tagesspiegel am Sonntag": "Ja, absolut. Da bin ich mir komplett sicher."

Zwar müssten noch ein paar Jahre lang Masken in bestimmten Situationen getragen werden, was nerven werde. Es werde aber auch "ein paar Benefits" geben: Das Virus habe die Medizin vorangebracht. "Die mRNA-Technologie ist ein Riesen-Durchbruch, auch für Krebs und für andere Infektionskrankheiten, denken wir allein mal an Influenza."

Alle Menschen müssen sich früher oder später infizieren

Die gute Nachricht sei: Im Moment fahre der Zug angenehm langsam, denn Omikron habe eine verringerte Krankheitsschwere. Auf die Frage, ob er Omikron als Chance sehe, in den endemischen Zustand zu kommen, sagte der Virologe: "Es wäre eine Chance jetzt, breite Immunität vorausgesetzt." Zumal niemand ausschließen könne, dass der Zug auch wieder schneller werde.

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Drosten sagte, die Bevölkerungsimmunität bei Erwachsenen entwickele sich in eine klare Richtung: "Die Bevölkerung baut Immunität auf und behält die auch." Deutschland sei jetzt "in dem Prozess", bald die Pandemie für beendet erklären und die endemische Phase ausrufen zu können. "Aber wegen des hohen Anteils Älterer in der Bevölkerung müssen wir das in Deutschland über Impfungen machen. Über natürliche Infektionen würden viel zu viele Menschen sterben", sagte Drosten der Zeitung. Deutschland habe schon "ein ganzes Stück dieses Weges geschafft über Impfungen", müsse ihn jetzt aber "zu Ende gehen, damit wir im Laufe des Jahres 2022 in die endemische Phase kommen und den pandemischen Zustand für beendet erklären können".

Drosten sieht als "nächsten Meilenstein" in der Bekämpfung des Coronavirus eine "Lebend-Impfung" mit einem abgeschwächten Virus oder einer modernen Variante davon. "Die müsste man in die Nase geben und so dann Schleimhaut-Immunität auslösen. Das wäre ein viel besserer Übertragungsschutz, es wäre der nächste Meilenstein." Im nächsten Winter rechne er aber noch einmal mit einer starken Inzidenz-Erhöhung. "Und wir werden wohl auch wieder Masken tragen müssen in Innenräumen, weil der Übertragungsschutz noch einmal ein wenig sinken wird und die Vulnerablen in der Bevölkerung geschützt werden müssen."

mit dpa

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