Wir stehen an einem Scheidepunkt, denn immer weniger Zeitzeugen sind am Leben, um von ihren Erfahrungen zu berichten. Bald wird niemand mehr von ihnen da sein und die Geschichte wird nur noch aus Aufnahmen und aufgeschriebenen Erinnerungen bestehen. Die Gefahr ist groß, dass die Ereignisse unter dem Staub der Historie verschwinden und zu einer uns fernen und fremden Geschichte werden wie der Dreißigjährige Krieg oder andere historische Epochen. 

Umso gefährlicher ist dies, da Geschichte immer in Gefahr ist, für Propaganda benutzt zu werden. Aktuell zeigt sich die Bedeutung von Erinnerung und Einordnung der Geschichte daran, dass es tatsächlich Menschen gibt, die versuchen, sich in ihrem Selbstbild als Opfer zu inszenieren, indem sie sich mit den Opfern des Holocaust gleichsetzen. 

Unsägliche Vergleiche auf Corona-Demos und in Telegram-Gruppen

Es ist unerträglich, wenn sich Menschen erdreisten, sich Davidsterne auf die Jacke zu nähen und absurde Vergleiche zu bemühen. Vom ungefähren Geraune, „das ist ja wie damals“, das in einschlägigen Schwurbler-Gruppen sozusagen zum Grundrauschen gehört, bis hin zu ganz expliziten Vergleichen mit dem Leid von Millionen von Menschen, die unter dem Naziregime ermordet wurden. Da stehen wohlstandsverwöhnte Bürger da und erfreuen sich der Freiheit der Meinungsäußerung und halten sich für Opfer einer Diktatur. 

Sie vergleichen milliardenfach verabreichte Impfstoffe, die von der überwältigenden Mehrheit der Expert*innen als sinnvollstes Mittel gegen eine real existierende Pandemie angesehen werden, mit abscheulichen Menschenversuchen in KZs. Sie halten sich für „die neuen Juden“, weil es Zugangsbeschränkungen zu Geschäften oder Veranstaltungen gibt und stellen sich in eine Reihe mit jenen, die erst systematisch ausgegrenzt und dann massenhaft industriell ermordet wurden. 

Die selbsternannten Kämpfer*innen für Freiheit und Demokratie laufen dabei bekennenden und offen auftretenden Nazis hinterher oder dulden sie zumindest auf ihren Demos und bemerken nicht, dass sie damit die Opfer des Naziregimes noch mehr verhöhnen. Nazi-Mitläufer, die sich selbst mit den Opfern der politischen Vorfahren der Neonazis vergleichen und nicht selten mehr oder weniger subtil antisemitische Verschwörungstheorien verbreiten – das kann sich wirklich niemand ausdenken. 

Besuch in Gedenkstätte als Pflicht?

Vielleicht sollte man zusätzlich oder anstatt einer Impfpflicht überlegen, einen Besuch in einer der Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus verpflichtend zu machen. Welcher Mensch mit Anstand und einem Hauch von Realitätssinn kann vor Gaskammern stehen und sich immer noch mit jenen gleichsetzen, die dort massenhaft ein grauenhaftes Ende gefunden haben?

Die Dreistigkeit dieser Gleichsetzung macht mich unglaublich wütend und all jene, die sich zu Opfern stilisieren und eine Unterdrückung herbei lügen, wären gut beraten, vor allem am 27. Januar, aber auch danach, in stiller Demut innezuhalten. Oder deutlicher: Haltet die Klappe und denkt nach. Informiert euch, hört jenen zu, die noch unter uns weilen und erzählen können. Lernt und überlegt dann noch einmal, ob ihr nicht doch peinlich berührt die Davidstern-Aufnäher von euren Jacken entfernt und euch womöglich sogar entschuldigt. 

Diese unverschämte Anmaßung haben die Opfer und deren Nachfahren wirklich nicht verdient. Sie haben unsere Erinnerung und unser Versprechen verdient, ihr Andenken lebendig zu halten und ihre stille Mahnung ernst zu nehmen: Nie wieder Auschwitz. Nie wieder Faschismus.