Vier von fünf Deutschen finden: Die Bundesregierung lässt sich von der türkischen Regierung zu viel gefallen. Das hat Emnid für "Bild am Sonntag" eruiert. Und wahrlich: Das Gefühl, mittlerweile sei das Ende der Diplomatie erreicht, weicht immer mehr Gewissheit. Denn: Was genau hat die Diplomatie bis heute erreicht?

Dass in Erdogans Reich Zehntausende als Staatsfeinde verunglimpft und hinter Gefängnismauern gesteckt, im Regierungsauftrag Journalisten mundtot gemacht werden - es hat nicht aufgehört. Es hört auch nicht auf. Im Gegenteil: Der inhaftierte "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel wird vielmehr noch denunziert. Die Rechtsstaatlichkeit bleibt in der Türkei außen vor. Und alles diplomatische Gesäusel verpufft.

Und nun der Wahlkampf auf deutschem Boden, auch noch durch die Lautsprecher der autoritären Machtriege. Immerhin 1,4 Millionen Türken, die hierzulande leben, sind als Wahlvolk nicht zu verachten für Erdogan und seine Getreuen. Kein Wunder, dass sie mit aller Macht nach Gaggenau, Köln und Leverkusen drängen. Doch was ist zu tun, dass sich die Vorzeige-Demokratie Deutschland nicht auf eine Stufe stellt mit der selbstherrlichen, die Meinungsfreiheit einschränkenden Regierung Erdogan? Können einer harmlosen Diplomatie denn wirklich Auftrittsverbote folgen?

Demokratie muss unterschiedliche Meinungen aushalten. Und es ist nicht neu, dass eben ihre Feinde dies als Schwäche ausnutzen. Sie missbrauchen das hohe Gut der Meinungsfreiheit nur allzu gerne für ihre Propaganda. Und denunzieren folgerichtig Auftrittsverbote, wie jüngst Justizminister Bekir Bozdag, als "faschistische Maßnahmen". Obwohl er nur allzu gut weiß, dass diese eben in der Türkei an der Tagesordnung sind.

Das türkische Volk wird per Votum entscheiden, ob es ein Präsidialsystem will oder nicht. Es hat also die Wahl. Deshalb sind insbesondere die Millionen türkischen Staatsbürger hierzulande aufgefordert, ein klares Signal für Demokratie und Meinungsfreiheit zu setzen. Und: Alle in Deutschland lebenden Menschen sollten bis dahin lautstark einfordern, dass jeder in Berlin und am Bosporus das Recht haben muss, seine Meinung frei äußern zu können. Auch wenn Diplomatie bislang nicht hilfreich war: Wort und Votum sind noch lange nicht gescheitert.