Kronach
Protest

"Wir sind Loewe" - Demonstration der Loewe-Mitarbeiter in Kronach

"Wir sind Loewe" skandierte die Belegschaft gestern vor den Toren des Werks. Sie wollten Gesicht zeigen - jenen, die hinter verschlossenen Türen über ihre Zukunft entscheiden. Ab 1. Juli steht der Betrieb still.
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Rund 200 Loewe-Mitarbeiter, Politiker und Unterstützer der Gewerkschaft demonstrierten am Dienstag auf dem Werksgelände in Kronach. Während  die Gläubigerversammlung tagte, wollte man die Gesichter hinter der Insolvenz zeigen. Anna-Lena Deuerling
Rund 200 Loewe-Mitarbeiter, Politiker und Unterstützer der Gewerkschaft demonstrierten am Dienstag auf dem Werksgelände in Kronach. Während die Gläubigerversammlung tagte, wollte man die Gesichter hinter der Insolvenz zeigen. Anna-Lena Deuerling
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Sie wollen Loewe bleiben - in großen Buchstaben haben Mitarbeiter den Spruch auf ein Banner geschrieben. Doch diese Entscheidung wird von anderen getroffen. Am Dienstagmittag hat die Loewe-Geschäftsführung offiziell bekanntgegeben, dass der Betrieb vorübergehend stillgelegt wird. Das Unternehmen hat den Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung zurückgenommen und strebt nun ein Regelinsolvenzverfahren an. Rund 95 Prozent der Mitarbeiter werden ab dem 1. Juli freigestellt.

Am Nachmittag wurden in der Betriebsversammlung die Mitarbeiter darüber informiert - die bereits am Morgen gekommen waren, um für ihre Arbeitsplätze zu kämpfen.

Ein großer Teil der Belegschaft ist damit dem Demo-Aufruf der IG-Metall gefolgt. Die Kampfansage der Gewerkschaft: die Betriebsstilllegung verhindern, die dem Unternehmen "mit einem kühl auf Profitmaximierung ausgerichteten Finanzinvestor und einem bestürzt beantragten vorläufigen Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung" droht.

In kleinen Gruppen stehen Kollegen beisammen, die teilweise Jahrzehnte lang Seite an Seite für den TV-Hersteller gearbeitet haben. In Wellen kommt er, der Kampfwille, der Sprechgesang - ebbt aber auch schnell wieder ab. Aus dem Schweigen zwischen den Rufen könnte man Betroffenheit, aber auch Resignation lesen. Die Demoveranstaltung der Loewe-Belegschaft am Dienstagmorgen war wie erwartet emotional. Am Ende blieb vor allem die Enttäuschung in der Luft stehen.

Denn der Gläubigerausschuss, der am Vormittag in den Räumen der Entwicklung tagt, schenkt den rund 200 Protestlern keine Aufmerksamkeit. Statt sich dem Demo-Zug zu stellen und ihnen in die Augen zu sehen, wie es über das Mikrofon von IG-Metall-Vertreter Jürgen Apfel gefordert wird, werden die Fenster geschlossen. Die Konsequenz sind Pfiffe und Buh-Rufe. "Feiglinge" rufen einige voller Frust in Richtung des Gebäudes. "Ich glaube, das war auch ein Symbol", wendet sich Apfel an die Versammelten. "Aber ein geschlossenes Fenster wir nicht reichen, um uns loszuwerden."

Hoffnung auf "faires Verfahren"

Für viele Mitarbeiter ist es seit Wochen das erste Mal, dass sie auf das Gelände zurückkehren. Unter ihnen ist Petra Mertel. Die 48-Jährige arbeitet seit 30 Jahren in der Fertigung und vertritt zugleich die Schwerbehinderten bei Loewe. Seit Anfang Mai hat sie nicht mehr gearbeitet, trotzdem ist sie am Dienstag gekommen. "Wir wollen dem Unternehmen ein Gesicht geben", sagt Mertel.

Es sei vor allem die Verpflichtung gegenüber jenen, die sie vertritt, die sie das Demo-Schild in die Hand nehmen lässt. Denn Hoffnung habe sie eigentlich keine mehr. Zwar fordert sie mit ihren Kollegen weiter ein "offenes und faires Verfahren", sagt aber auch: "Wir wissen doch alle, was passieren wird - nur traut sich niemand, es auch auszusprechen."

Auch Carmen Schmidt wird dies als Betriebsratsvorsitzende nicht aussprechen. Dennoch wirkt sie mitgenommen, als sie klagt: "In diesem Insolvenzverfahren wurde nicht fair mit den Mitarbeitern umgegangen." Sie verurteilt scharf, dass die Entscheidungsträger die Belegschaft aus den Augen verloren hätten: "Wir werden hier wie Schachfiguren hin und her geschoben." Auch deshalb sei man hier, um dem Richter und den Gläubigern zu zeigen, wen diese Entscheidungen betreffen. Nämlich die rund 450 Mitarbeiter. Ohne die bleibe nichts als eine leere Hülle. Und die sei nichts wert. "Wir sind am Ende die Leidtragenden, wir fordern ein faires und offenes Verfahren."

Um diese Forderung auch akustisch zu untermauern, hat sich Betriebsseelsorger Eckhard Schneider bereits am Morgen mit seiner Mahnglocke auf den Weg gemacht. "Wir zeigen unser Gesicht - auch wenn die Situation zum Davonlaufen ist." Er betont während der Kundgebung, dass er keineswegs die Totenglocke läuten will - sondern vielmehr das Symbol zur Mahnung anschlagen.

Eine traurige Stunde

Ermahnt werden sollen Politiker, Wirtschaftsbosse, aber auch die Verhandlungsführer, "immer auch auf die Kleinen zu schauen". Was eine Aktion wie diese bringe, wisse er selbst nicht. Aber man spüre die Nähe. Denn was den "kleinen Leuten" bleibe, sei das solidarische Beisammensein.

Um "die Solidarität aller Gewerkschaften" zu überbringen, ist auch Mathias Eckardt, DGB-Regionsgeschäftsführer vor Ort. "Die Betroffenheit der Menschen kann nicht einfach mit einem Federwisch der Chefetage beseitigt werden", sagt er. Die Zweite Bürgermeisterin Angela Hoffmann sprach bei der Kundgebung für die kommunale Familie Kronachs. Doch vor allem als langjährige Loewe-Mitarbeiterin. Auch wenn es eine traurige Stunde sei und das Fortbestehen des Unternehmens auf der Kippe stehe, zeigte sie sich hoffnungsvoll, dass es mit einem Investor aus der Branche eine Zukunft in Kronach gebe.

Seite an Seite mit den Mitarbeitern steht natürlich auch Jürgen Apfel. "Was hier passiert, ist zutiefst ungerecht - deshalb dieser Protest", sagt er vor Ort. Vor allem das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung hatte Apfel am Tag zuvor schon scharf kritisiert (wir berichteten).

Nach der Mitteilung, dass die Regelinsolvenz zum 1. Juli eröffnet wird, sagt er: "Wir bleiben bei unserer Kritik. Das hätte anders laufen können, wenn man früher auf unsere Einwände gehört hätte." Er ist überzeugt: Mit einem Regelverfahren von Anfang an hätte man ganz andere Optionen gehabt. "Der Schritt heute kam aus unserer Sicht viel zu spät."

Aus Sicht der Beschäftigten sei die Situation natürlich bitter. Diese würden widerruflich freigestellt und beziehen ab dem 1. Juli Arbeitslosengeld. Auch wenn bei der Demonstration Frust und Enttäuschung vorherrschten, seien die Mitarbeiter aufrecht und mit einem Rest Hoffnung in die Betriebsversammlung gegangen. Mit den Erklärungen der Verantwortlichen sei aber Ernüchterung eingezogen. "Als dann alles vorbei war, hatten viele Tränen in den Augen und lagen sich in den Armen", schildert Apfel die bedrückende Stimmung.

Die Uhr tickt: Loewe-Verantwortliche glauben weiter an erfolgeiche Investorensuche

Um 12.33 Uhr blinkte die Mail von Loewe im Redaktionspostfach auf. Etwa zwei Stunden nach dem Ende der Demonstration stellte das Unternehmen Klarheit her, was in den kommenden Monaten mit dem TV-Gerätehersteller und seinen Angestellten passieren wird: Das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung soll zurückgenommen und in ein Regelinsolvenzverfahren gewechselt werden.

Später am Nachmittag erläuterten Sachwalter Rüdiger Weiß und Ralf Vogt, Vorsitzender der Loewe-Geschäftsführung, was das für den TV-Gerätehersteller und die 450 Angestellten konkret bedeutet. "Der Fortgang der Produktion wird höchstens im homöopathischen Bereich stattfinden", räumte Weiß ein. Das Ziel: Die Kosten werden auf das Nötigste heruntergefahren. Allerdings soll die Marke am Markt wahrnehmbar bleiben, denn die Hoffnungen auf einen Investor haben die Verantwortlichen noch längst nicht aufgegeben. "Wir kämpfen weiter und sind guter Dinge", betonte Weiß. Ein Interesse an Loewe sei unverändert zu spüren.

Dennoch stehen die Mitarbeiter zunächst vor einer ungewissen Zukunft. 90 bis 95 Prozent von ihnen werden freigestellt, wie Weiß bestätigt. Das bedeutet, dass sie weiter bei Loewe unter Vertrag stehen, allerdings eine so genannte Gleichwohlgewährung von Arbeitslosengeld statt des Gehaltes erhalten. Mit der Verfahrenseröffnung steht laut Weiß auch die Aufnahme von Verhandlungen mit dem Betriebsrat über einen Sozialplan an. Danach werden Kündigungen folgen. In der Phase, bis diese greifen - vermutlich bis Oktober -, hoffen die Verantwortlichen, doch noch einen Investor präsentieren zu können, der zumindest einen Teil der Arbeitsplätze in Kronach erhält.

Im Ermessen eines Investors

Wie groß ein solcher Anteil ausfallen könnte, ist nach Ansicht des Sachwalters zur jetzigen Zeit blanke Spekulation. "Das Konzept, das wir mal entworfen haben, hat 220 Arbeitsplätze vorgesehen, das war die realistische Ausgangsgröße", geht Weiß auf ein Grundlagenpapier ein, das die Geschäftsführung vor einigen Monaten vorgelegt hatte. Ob sich ein Investor daran orientiert, liegt allerdings in dessen Ermessen. Somit könnten am Ende auch deutlich weniger Jobs erhalten bleiben.

Dass es überhaupt soweit kommen kann, erfordert allerdings erst einmal das besagte Einsteigen eines Investors. Doch Vogt versprüht in dieser Hinsicht ungebrochen Zuversicht: "Wir sitzen hier alle mit hochgekrämpelten Ärmeln und werden den Investorenprozess auch entsprechend angehen." Und was die kürzliche Meldung über einen konkreten Interessenten angeht, ergänzt er: "Gehen Sie mal davon aus, dass das Interesse weiter da ist."

Zentrale Rolle

Aus diesem Grund distanziert er sich weiterhin von Spekulationen, möglicherweise den Verkauf der Markenlizenz zu wählen und dafür die Produktion schleifen zu lassen. "Natürlich müssen wir schauen, dass wir im TV-Geschäft bleiben und es auf vernünftige Beine stellen. Wir werden das bestimmt nicht aufgeben. Und da spielt der Standort Kronach weiter eine zentrale Rolle." Darüber hinaus wolle man aber noch andere Bereiche angehen und eine Vermarktung in Ländern erreichen, in denen Loewe noch nicht präsent ist. Für Letzteres brauche es starke Partner, welche dort auch die Markenwerte weitertragen.

Vor diesem Hintergrund sieht der Vorsitzende der Geschäftsführung das Verhalten der Gewerkschaft durchaus kritisch. "Wir sind ein absolut anfassbares Management", betont er. Die Verantwortlichen hätten für Anfragen der Angestellten stets ein offenes Ohr. Weiß vermutet in der Demonstration eine gewisse Instrumentalisierung der Situation von Seiten der Gewerkschaft. Diese sei schließlich regelmäßig in die Schritte bei Loewe eingebunden worden. Doch den "Schicksalsschlag für Kronach" nutze die Gewerkschaft nun zum Flaggezeigen.

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