Nürnberg
Premiere

Tell schießt auf einen Riesenclown

Volker Schmalöer macht in Nürnberg aus Schillers Klassiker eine effektvoll inszenierte Hinterwäldler-Soap.
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Wilhelm Tell (Daniel Scholz) benutzt in Nürnberg ein Gewehr für den berühmten Schuss auf den Sohn (Pius Maria Cüppers).  Foto: Marion Bührle
Wilhelm Tell (Daniel Scholz) benutzt in Nürnberg ein Gewehr für den berühmten Schuss auf den Sohn (Pius Maria Cüppers). Foto: Marion Bührle
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Für die Spruch-, Schul- und Binsenweisheiten des deutschen Spieß- und Bildungsbürgers, der sich gern mit ebenso kernigen wie gängigen Zitaten aus dem Schatzkästlein der deutschen Literatur schmückt, ist "Wilhelm Tell", Schillers eidgenössisches Freiheitsdrama, ein Steinbruch: Sprüche wie "Die Axt im Haus erspart den Zimmermann", "Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt" oder "Der kluge Mann baut vor" gehen als Ratgeber für den häuslichen Alltag gerade noch durch.


Anfällig für Missverständnisse

Politisch missverstehen lassen sich heute aber nur allzu leicht Sentenzen wie "Der Stärkste ist am mächtigsten allein" oder "Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an" und "Es kann der Frömmste nicht im Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt". Drum gilt: "Was du ererbst von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen", denn "Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit".
Zum Auftakt von Friedrich Schillers "Tell" im Nürnberger Schauspielhaus haut der Chor der zahlreich aufgebotenen Schauspieler diese Ohrwürmer dem Publikum um die Ohren - und stimmt es auf einen Klassiker ein, der zwischen Pathos und Parodie einerseits den Dichter beim Wort, andererseits aber auch nicht ganz ernst nimmt.
Regisseur Volker Schmalöer setzt auf die gebundene, auf die rhythmisierte Sprache Schillers, was wie eine Wohltat im modernen Zeit-Theater wirkt; er traut aber dem Schiller'schen Pathos, das er grandios ausstellt, auch nicht so ganz und unterläuft es mit einem eher Beckett'schen Bühnenbild (Valentina Crnkovic), das sich an Ai Weiweis legendäre Landschaft mit 6000 hölzernen Hockern anlehnt, auf die wahlweise zwecks höherer (Ein-)Sicht geklettert beziehungsweise dramatisch gestolpert wird. Dazu ein Overkill der modernisierten Bühnentechnik, die die Schweizer Helden per Hub-Podien verschiebt und erhöht oder den braven Tell wie im "Fahrstuhl zum Schafott" im Bühnenboden verschwinden lässt.
Aber vielleicht braucht es solche groteske Verfremdungseffekte, um Schillers letztes vollendetes, 1804 in Weimar kurz vor des Dichters Tod (1805) uraufgeführtes Schauspiel heutigen Zuschauern einigermaßen nahezubringen. Dass die Darsteller der Schwyzer Ureidgenossen immer wieder Masken tragen und Tells Sohn (Pius Maria Cüppers) mit einer dem Bread-and-Puppet-Theatre nachempfundenen riesigen Clowns-Maske auftritt, ehe der Vater ihm mit der Armbrust, die in Nürnberg unersichtlicherweise ein doppelläufiges Jagdgewehr ist, den Apfel vom Kopf schießt, lockert den mal heldenhaft ausgerufenen, dann aber doch in ängstlichem Opportunismus immer wieder erstickenden Freiheitskampf der Schweizer Volksdemokraten, "Wir sind ein einzig Volk", auf.
Den mal romantisch-alpenländlerisch glühenden, mal gewitterdurchzuckten, finsteren Hintergrund bildet ein Rundhorizont mit einem grandiosen Bergwald-Panorama, mit dem man Tourismuswerbung für die Schweiz betreiben könnte. Aber es sind nur die Rütli-Verschwörer, die dort recht halbherzig der kaiserlich-österreichischen Fremdherrschaft den Kampf ansagen.
Tell (Daniel Scholz) dagegen macht ernst und bietet dem Burgvogt Gessler (Thomas Klenk), der ihn auf seinen eigenen Sohn schießen lässt, die Stirn, die er vor dem aufgestellten Geßler-Hut nicht beugt. Martialisch blutverschmiert, erwürgt Tell den Tyrannen, kehrt in den Schoß der vorher weihnachtlich geschmückten Kitsch-Idylle der heilig-heimeligen Familie zurück und rettet sich ins Happy-End einer effektvoll inszenierten Hinterwäldler-
Soap, der ein manchmal irritiertes Publikum applaudiert.


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