Laden...
Adelsdorf
Gedenken

Christiane Kolbet führt durch das jüdische Adelsdorf

Alles Brennbare aus der damaligen Synagoge wurde in der Reichsprogromnacht auf dem Marktplatz in Brand gesetzt. Jüdische Männer kamen ins KZ Dachau.
Artikel drucken Artikel einbetten
Christiane Kolbet zeigt Fotos von Jakob und Frieda Stein, sie hatten einen Gemischtwarenladen. Jakob Stein kam 1942 in Buchenwald ums Leben. Fotos: Pauline Lindner
Christiane Kolbet zeigt Fotos von Jakob und Frieda Stein, sie hatten einen Gemischtwarenladen. Jakob Stein kam 1942 in Buchenwald ums Leben. Fotos: Pauline Lindner
+2 Bilder
Sie hat ein besonderes Fotoalbum in der Hand, Christiane Kolbet, die Fremdenführerin durch das jüdische Adelsdorf. Anhand vergrößerter Originalfotos aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts macht sich die Besuchergruppe des Bündnisses "Bunt statt braun" aus Forchheim mit der reichen und schmerzvollen Geschichte des Rabinatssitzes im Aischgrund vertraut.

Da ist das Familienfoto der Familein Stühler und Rindsberg, aufgenommen 1934. In der Mitte sitzt die Matriarchin Amalie Stühler, umgeben von Söhnen, Töchtern und Enkeln. Aufgenommen wurde das Foto in dem Anwesen auf der Hauptstraße, in dem heute eine Metzgerei ist. Am Rand ist ein schmächtiger Junge abgebildet, Berthold Rindsberg. Als Baruch Ron ist er vor Kurzem in Israel verstorben.

"Wir sind Adelsdorfer", glaubte die Familie, die seit 1698 im Ort ansässig war. Besonders Felix Rindsberg, ein Viehhändler und dekorierter Teilnehmer am Ersten Weltkrieg, beschwor seine Angehörigen: "Wir haben nichts zu befürchten, das wird vorübergehen." Er vertraute auf das tolerante Miteinander in dem katholischen Ort, dessen Bürger auch als andernorts die NSDAP 90 und mehr Prozent der Wählerstimmen zu kaum einem Drittel ihre Stimme den Nazis gaben.


Durchgeschlagen als Eierhändler

Er hatte Unrecht. 1936 verlor er seine Konzession als Viehhändler, fand aber Arbeit beim Bau des Flughafens in Herzogenaurach. Solange, bis herauskam, dass er Jude war. Als kleiner Eierhändler auf Märkten schlug er sich dann durch. Felix stirbt 1939 an den Folgen der Haft im KZ Dachau. Dorthin waren die jüdischen Männer Adelsdorfs nach der Reichspogromnacht "verbracht" worden. Zwei Häuser weiter lebten Heinrich und Lina Lindo, schräg gegenüber Jakob und Frieda Stein, daneben Familie Strauß, alles ältere Leute, deren erwachsene Kinder teilweise ausgewandert waren.

Die Steins hatten einen Gemischtwarenladen. Aus unbekannten Gründen wurde der 71-jährige Mann immer wieder denunziert, hat Kolbet recherchiert. Einmal nahm ihn der katholische Ortspfarrer Kießling im Auto mit. Das stand eine Woche im "Stürmer", dem unrühmlich bekannten antisemitischen Hetzblatt aus Nürnberg. Stein kam 1942 in Buchenwald ums Leben. Seine Aschenurne wurde der Frau zugesandt. Sie ließ sie in Fürth beisetzen. Seit 1608 gab es in Adelsdorf eine Synagoge. Am Morgen des 9. November wurde die christliche Nachbarin durch lärmende Horden aus dem Schlaf geweckt.


Autokolonne aus Forchheim

Wie man heute weiß, war es eine Autokolonne aus Forchheim unter Führung des NSDAP-Ortsvorsitzenden Ittameier, die sich Verstärkung aus dem Reichsarbeitsdienstlager bei Weppersdorf geholt hatte. Die Frau hat gesehen, wie die Thorarollen und andere Dokumente aus dem Gebäude geschleppt wurden. Man brachte alles Brennbare zum Marktplatz - genau vor die Häuser der Familien Strauß und Stein - schichtete das Material zu einem Scheiterhaufen und setzte es in Brand.

Neben der Schule - ihr Rektor war zugleich NSDAP-Ortsgruppenleiter - wohnte Lina Stühler mit ihrer Familie. Ihr Sohn Bernhard konnte mit einem Kindertransport nach Dänemark emigrieren. Bis zuletzt stand er in Briefkontakt zur Mutter, die mit den anderen Familienmitgliedern ins Ghetto Izbica bei Lublin in Polen deportiert worden war. Vom 1. Mai 1942 datiert ihr letzter Brief. Die letzte Spur der einst blühenden jüdischen Gemeinde.
Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren