Bad Kissingen
Kissinger Sommer

Wenn die Tuba von der Liebe singt

In die Erlöserkirche, ins Kurtheater und in den Rossini-Saal luden Martin Andreas Hofmeir, Andreas Mildner, Tim Allhoff und das Trio KlaViS ein.
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Andreas Martin Hofmeir erklärt die Oper aus der Sicht eines Tubisten - und Andreas Mildner hinter seiner Harfe feixt sich einen. Foto: Gerhild Ahnert
Andreas Martin Hofmeir erklärt die Oper aus der Sicht eines Tubisten - und Andreas Mildner hinter seiner Harfe feixt sich einen. Foto: Gerhild Ahnert
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Wenn er so dasteht, in der archaisch-romanisch ausgeleuchteten Erlöserkirche, kann man sich ihn auch sehr gut in einer Mönchskutte vorstellen. Aber zum Glück ist Martin Andreas Hofmeir rechtzeitig aus dem Barfüßerorden abgesprungen und hat auf Tuba umgeschult. Da haben wir mehr von ihm. Der Sprung hat sich gelohnt. Sonst wäre er nicht Professor am Mozarteum geworden und auch nicht Tubist der Münchner Philharmoniker (den Solotubisten gibt es nicht, denn alle Orchester halten sich immer nur einen).
"Fabelhafter Tubist" ist freilich kein Alleinstellungsmerkmal. Es gibt auch Kollegen von ihm, die im Großen Saal schon den "Hummelflug" gespielt haben. Und Humor haben andere Tubisten auch - sonst wären sie ja keine. Das auffälligste Alleinstellungsmerkmal ist sein Barfußspiel (ist das vielleicht ein Relikt aus verirrten Jugendtagen?). Wie er das als Professor am Mozarteum oder im Winter beim Schneeräumen vor dem Haus mit Schuhen hält, geht uns nichts an. Aber wir fragen uns, wie seine Haxn immer so aussehen können, als komme er gerade von der Fußwaschung nebenan.
Sein tatsächliches Alleinstellungsmerkmal ist seine ebenso ungewöhnliche wie raffinierte Selbstvermarktung. Die Kabarettisten halten ihn für einen fabelhaften Tubisten, die Tubisten für einen fabelhaften Kabarettisten. Bei Hofmeir haben beide Seiten recht. Bei der ersten Etappe des Wandelkonzerts tritt er gemeinsam mit dem Harfenisten Andreas Mildner auf - "eine traditionelle Besetzung". Das Programm ist klar: ein Streifzug durch die Oper und das Kunstlied, aber ohne den störenden Gesang: "Die Komponisten sind zwar der Klangsprache mächtig, aber in den seltensten Fällen auch der gesprochenen." So ist es die Tuba, die große Emotionskisten aufmacht: in Schumanns "Der Nussbaum" für die "realistische Liebe", in Schuberts "Gretchen am Spinnrad" für die "unrealistische Liebe". Hofmeir: "Jungfrauen neigen zur Verherrlichung des männlichen Geschlechts - wegen fehlender Erfahrung."


Urig und seriös zugleich

Bei allem Ulk in der Moderation, die einfach nötig ist, denn ein einstündiges Tubarecital würde weder Musiker noch Publikum durchhalten: Musikalisch ist das außerordentlich seriös, was Hofmeir und Mildner machen. Der Harfenist ist ein außerordentlich wendiger Begleiter, der seinen Part sehr selbstbewusst spielt, dass die tiefen Töner ein bisschen untergehen, ist zwar schade, aber bei der Konkurrenz von links auch nicht vermeidbar. Obwohl Hofmeir mit außerordentlich weichem Ansatz spielte.
Emotionaler Höhepunkt waren zwei Arien aus Hofmeirs Lieblingsoper "Tosca" ("ein Drama, dass sich ohne weiteres hätte vermeiden lassen; aber dann gäbe es die Oper nicht"): zwei Arien im Angesicht des Todes: "E lucevan le stelle" des Kirchenmalers Cavaradossi ("der hätte hier in der Kirche auch einiges zu tun") und "Vissi d'arte" seiner Geliebten Tosca ("deren Lebensbilanz ist eher fiskalisch"). Für das virtuose Schaulaufen hatte Hofmeir die "Carmen-Fantasie" für Flöte und Klavier von François Borne ausgewählt. Da kam das Staunen, da scheuchte er den Harfenisten. Da konnte man sich denken, mit welcher Anstrengung das zu spielen ist, denn sehen konnte man Hofmeir nicht. Der kann sich ja immer hinter seinem Instrument verstecken.
Nach der ersten Stärkung im Kurtheater hatte Hofmeier seinen Partner gewechselt. Jetzt begleitete ihn Tim Allhoff, ein sensationell guter Jazzpianist - schließlich ja auch nicht ganz unbekannt - einer mit flinken Fingern und viel kreativer Spontaneität und Souveränität - ein echter Widersacher. "Brasilianische Liebeslieder" kündigte Hofmeir an: "Es geht immer um das Gleiche: Eine Frau geht eine Straße entlang, ein Mann sitzt in einem Café ..." Alle rhythmisch und farblich toll geblasen - aber nicht wirklich abendfüllend. Deshalb las Hofmeir ein paar Episoden ("alle hundertprozentig wahr, obwohl ich manches selbst nicht glaube") aus seiner Autobiografie "Kein Aufwand". Ein geschickter Schachzug, denn hinterher gingen die Bücher weg wie die warmen Semmeln.


Altbekanntes neu gehört

Bei so viel Präsenz geriet das andere Ensemble dennoch nicht in den Hintergrund: das Trio KlaViS, das schon durch seine Besetzung auffällt: Violine (Jenny Lippl), Altsaxophon (Miha Ferk) und Klavier (Sabrina Hasanova). Natürlich spielten sie in der Erlöserkircheu und im Rossini-Saal Bearbeitungen angesichts eines kaum vorhandenen Repertoires. Aber die überraschten durch ihre Frische, ihren Zugriff und ihre Klangreize mit dem pfiffigen, humorvollen ersten Satz aus Michael Haydns Divertimento MH6. Darius Milhauds jazzbasierte "La création du monde" ist ursprünglich für 17-köpfiges Kammerensemble komponiert. Aber bei Miha Ferks Trio-Bearbeitung vermisste man eigentlich nichts. Die Rhythmen sind unverändert übertragen, und das Saxophon sorgt mit seinen reichen und fülligen Klangmöglichkeiten für viele Angriffsflächen für die anderen Instrumente.
Claudio Monteverdis sehr bekanntes "Si dolce è l'tormeno" war eine Uraufführung, denn Miha Ferk hat dazu Variationen geschrieben, die erst am Ende in das Thema münden - einfach eine schöne und höchst sangliche Komposition.
Spätestens bei Brahms' Horntrio op. 40 im Rossini-Saal wurde deutlich, was für fantastische Musiker die drei sind. Sie spielten mit einem unglaublichen Zugriff aufeinander zu - es standen ja auch keine Pulte zwischen ihnen - und lieferten eine unendlich spannende Verdichtung dieser romantischen, gerne zelebrierten Musik mit neuen Aspekten. Der olle Brahms hätte seine helle Freude gehabt. Man sollte die drei jungen Leute unbedingt auf dem Radar behalten.


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