Maßbach
Uraufführung

Der Schatten an seiner Seite

"Schirokko" ist ein Stück von Renate Ahrens für junge Leute ab 14 Jahren über ein schwer ertragbares Thema: Depression.
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Patrick Paolucci (links) ist der Schatten P., der verstorbene Bruder von Julian (Ramon Linde).  Sebastian Worch
Patrick Paolucci (links) ist der Schatten P., der verstorbene Bruder von Julian (Ramon Linde). Sebastian Worch
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Julian geht es eigentlich gut. Er steht kurz vor dem Abitur und komponiert eine Musik, von der seine Freundin Nelly total hin und weg ist. Mit der ist er schon seit langer Zeit zusammen. Aber da ist auch Birte, zu der er sich hingezogen fühlt. Die macht einen auf Femme fatale und auf unnahbar. Aber andererseits schreibt sie Texte, die sie für Julian interessant machen. Natürlich kommt Nelly dahinter und bläst zur Attacke. Der Zickenkrieg könnte geführt und, mit welchem Ausgang auch immer, beendet werden. Und das wäre es dann gewesen. Daraus hätte man an sich schon ein Theaterstück machen können. Und die gibt es ja auch schon.
Aber Renate Ahrens hat "Schirokko" daraus gemacht, das jetzt im Theater im Pferdestall (TIP) seine Uraufführung erlebte. Das ist ein Theaterstück für junge Leute ab 14, das die Maßbacher den Schulen der Umgebung anbieten. Aber auch Erwachsene und vor allem Eltern tun sich keinen Gefallen, wenn sie es sich nicht ansehen, denn es ist voll von Informationen über ihre Kinder. Denn es geht natürlich über diese Dreiecksbeziehung weit hinaus in Bereiche, die nicht leicht zu ertragen sind, vor allem nicht von den Betroffenen: in den Bereich der Depressionen. Und die Inszenierung von Daniela Scheuren verstärkt das noch durch eine kompromisslose Verdichtung und ein hochkonzentriertes, packendes Spiel.
Eigentlich kann man schon zu Beginn erkennen, wo die Reise hingeht. Denn da tigern Julian (Ramon Linde), Nelly (Tonja Fechter) und Birte (Vera Rumpel) über die - noch - schwarze Bühne und rezitieren Hermann Hesses Gedicht "Im Nebel": "Seltsam, im Nebel zu wandern!/Leben ist Einsamsein./Kein Mensch kennt den andern,/Jeder ist allein", heißt es zum Schluss. Das lässt nichts Gutes hoffen. Zumal noch P. - ein Schatten das Trio zum Quartett macht (Patrick Paolucci in einer stummen, aber tanzenden Rolle). Das ist der Bruder von Julian, den er aber nie kennen gelernt hat, weil er als 16-Jähriger gestorben ist - und die Eltern verweigern jede Antwort auf seine Fragen.
Allmählich wird klar, dass Julian immer mehr in Depression versinkt, dass ihm der Kopf eng wird, dass er immer stärker das Gefühl hat, "in einer Glocke zu leben". Er wird verfolgt von Alpträumen, dass er alleine in der Sahara unterwegs ist und von einem Schirokko im Flugsand verschüttet wird. Der Traum wird zur Metapher und zum Treibriemen des Untergangs. Und Julian gerät völlig aus der Fassung, als Birte genau diesen Traum ihm als Text überreicht. Und die Situation verschlimmert sich, als er mit Birte ohne Erfolg das Grab des Bruders sucht.
Immer mehr kriecht der Junge in sich hinein, immer mehr geraten die Aggressionen untereinander aus der Bahn, die die Hilf- und Sprachlosigkeit verbergen sollen. Und immer erdrückender wird die Situation, weil die drei ihre Emotionen und Befindlichkeiten nicht nur ausspielen, sondern auch mit Kreide an die schwarzen Wände malen, die immer voller werden und dadurch den Eindruck erwecken, immer enger zusammenzurücken, verstärkt durch die ständige Präsenz des tanzenden schwarzen Geistes, der Julian immer stärker steuert. Auch der Zuschauer gerät in dieser Intensität unter Druck, denn er muss seine Augen und Ohren überall haben, um nichts zu verpassen. Es ist ein außerordentlich intensives Stück über Depressionen und die enormen Schwierigkeiten, mit ihnen umzugehen - aber in einer Sprache und Umsetzung, in der sich Jugendliche erkennen können, wenn sie sich darauf einlassen.
Den Schluss hat Daniela Scheuren zu einem ziemlichen Hammer gemacht - da geht sie weiter als das Buch. Julian hat herausgefunden, dass es kein Grab seines Bruders geben kann, weil der auf einer Klassenfahrt in Irland verschollen ist. Er hat mit dem Direktor der Schule Kontakt aufgenommen, und der er ist der Erste, der ihm die Wahrheit schreibt: Sein Bruder ist in einem heftigen Depressionsschub plötzlich von einer hohen Klippe gesprungen. Jetzt ist Julian nach Irland gefahren und steht an der Stelle, an der inzwischen eine halbhohe Mauer errichtet wurde - im Buch könnte man darin ein Abschiednehmen sehen. Aber im Spiel balanciert er auf der Mauer, als plötzlich der Geist seines Bruders an ihm vorbeikommt, ihn an der Hand streift, als wolle er ihn auffordern mitzukommen, und durch die Tür des Theater hinausgeht ins Freie, in die Realität - auch in die der jungen Leute. Und die bleiben zurück mit der Frage: "Springt er, oder springt er nicht?" Da ist eine Wucht, die auch durch das Nachgespräch mit den Schauspielern anhielt: Die Antwort wollte niemand suchen. Aber das kann ja im Klassenzimmer noch geschehen.
Bis zum 20. Mai steht "Schirokko” mit Vorstellungen für Schülerinnen und Schüler auf dem Programm des Theaters in Maßbach, sowie am 14. und 15. Mai auch im Theater der Stadt Schweinfurt. Außerdem gibt es vier Abendvorstellungen im freien Verkauf. Termine und Vorbestellungen in Internet unter: www.theater-massbach.de .


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