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Flugchaos im Sommer droht: Das müssen Reisende jetzt wissen

Gestrichene Flüge, Probleme bei der Abfertigung an den Flughäfen: Es steht ein chaotischer Flugreisesommer bevor. Ist der Urlaub in Gefahr? Und welche Rechte hast du im Flugchaos?
Droht im Sommer das große Flugchaos? Die Rechte von Flugreisenden im Falle von Gepäckverspätung, Gepäckverlust und Gepäckbeschädigung sind im Montrealer Übereinkommen geregelt
Droht im Sommer das große Flugchaos? Die Rechte von Flugreisenden im Falle von Gepäckverspätung, Gepäckverlust und Gepäckbeschädigung sind im Montrealer Übereinkommen geregelt. Foto: picture alliance / dpa
  • Die Lage an den Flughäfen ist brenzlig
  • Wann und wie kann meine Airline meinen Flug stornieren
  • Ist die gebuchte Pauschalreise für den Sommerurlaub in Gefahr?
  • Und wie ist die Lage für Individualreisende?
  • Der Stau an der Sicherheitskontrolle und seine Folgen

Sommer, Sonne, Urlaub und Storno: Flüge werden gestrichen, Koffer bleiben am Boden. Auf den Flughäfen fehlt es an allen Ecken und Enden an Personal. Für viele Menschen aus NRW begannen die Sommerferien Ende Juni mit einer Menge Flughafen­frust. Auch die bayerischen Ferien rücken immer näher. Was können die Betroffenen tun?

Die Lage an den Flughäfen ist brenzlig

Mehr Menschen wollen nach den Corona-Jahren wieder reisen, doch die Luftfahrt­branche wird dieser sprunghaft gestiegenen Nachfrage nicht gerecht - es fehlt an Flugpersonal und helfenden Kräften bei der Abfertigung. Viele Mitarbeiter*innen haben sich in der Corona-Pandemie andere Jobs gesucht und kommen nicht mehr zurück.

Lufthansa, EasyJet und Eurowings haben bereits jetzt für Juli viele Flüge gestrichen. Der Chef der Flug­sicherungs­gewerkschaft (GdF), Matthias Maas, warnt vor einem nie dagewesenen Chaos in diesem Sommer an deutschen Flughäfen. "Weitere kurzfristige Flugstreichungen, lange Schlangen in den Terminals, verzweifelte Passagiere, die ihre Maschinen nicht rechtzeitig erreichen und verspätete oder verlorene Gepäckstücke werden an der Tagesordnung sein." Tausende von Mitarbeiter*innen wurden entlassen, und nun versucht man händeringend, diese wieder zurückzuholen. Gerne auch mit finanziellen Anreizen, wie Prämien oder der Zusage von Tariflohn. "Beim genaueren Hinschauen entpuppt sich auch dies jedoch wieder als Versuch, die Beschäftigten in billigere Tochterunternehmen zu locken", so Maas.

Die Urlauber*innen können die Personalpolitik der Airlines und der Flughafengesellschaften nicht verändern, sie müssen mit den Folgen umgehen. Deshalb solltest du Folgendes beachten.

Das können Reisende vor dem Abflug tun

Bleibe informiert, wie es um den Status deines Fluges bestellt ist. Vor allem rechtzeitig am Airport sein, empfiehlt Melanie Gerhardt, Leiterin für Sicherheits- und Krisen­management beim Reise­veranstalter DER Touristik, im Reise- und Kreuzfahrt-Magazin Crucero: "Mein Tipp für Urlauber ist, wenn möglich vorab online einzuchecken. Einige Airlines bieten außerdem einen Vorabend-Check-in an, bei dem auch das Gepäck schon am Abend vorher am Flughafen aufgegeben werden kann."

Generell sollten sich Reisende noch früher am Flughafen einfinden als sonst, mindestens zweieinhalb bis drei Stunden vor Abflug. 

Nach der Ankunft am Flughafen beziehungsweise dem Check-in vor Ort sollten Passagiere direkt durch die Sicherheitskontrolle und zum Gate gehen.

Wann und wie kann meine Airline meinen Flug stornieren

Es gibt Engpässe beim Check-in, bei Sicherheitskontrollen und bei der Gepäckabfertigung. Derzeit fehlen laut Bundesverkehrsministerium in allen Bereichen der Luftverkehrswirtschaft rund 2.000 Mitarbeiter*innen, berichtet tagesschau.de. Angesichts des Chaos fragen viele: Wann und wie kann meine Airline meinen Flug stornieren? 

Die wenig beruhigende Nachricht: Sie kann das immer tun. Je nach Zeitpunkt haben Reisende dann aber Anspruch auf Erstattungen und manchmal auch auf Schaden­ersatz. Dafür gibt es die EU-Flug­gast­rechte­verordnung. Sie ist für alle Flüge anwendbar, die innerhalb der Europäischen Union abheben. Für Flüge, die in der EU landen, gilt sie nur dann, wenn die Airline ihren Sitz in einem der EU-Mitglieds­staaten hat.

Laut Flug­gast­rechte­verordnung haben Reisende ein Wahlrecht zwischen der vollständigen Erstattung des Ticket­preises und einer Umbuchung durch die Airline. "Sie haben also Anspruch auf eine Umbuchung", so Verbraucher­schützerin Karolina Wojtal vom Europäischen Verbraucherzentrum Deutschland, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Nur in der Praxis klappt das nicht immer." Kommt die Flug­streichung mit einigen Tagen Vorlauf, sollten Urlauber*innen prüfen, was für sie günstiger ist. Womöglich können sie noch günstigere Flüge buchen, weil die Preise manchmal kurz vor Abflug noch mal sinken - das spreche für eine Erstattung. Auf die Umbuchung pochen sollte man indes, wenn die heraus­gesuchten Alternativ­flüge deutlich teurer sind als der gestrichene Flug.

Ist die gebuchte Pauschalreise für den Sommerurlaub in Gefahr?

Für Pauschalreisen ist der Veranstalter zuständig. Er muss notfalls für eine Ersatz­beförderung sorgen, stellt die Verbraucher­zentrale Hamburg klar. Dabei darf sich der Reisepreis durch die neue Flugverbindung nicht erhöhen, auch wenn der Veranstalter aufgrund der Streichung kurzfristig teurere Flüge einkaufen muss.

Führen die neuen Flugverbindungen zur Beeinträchtigung der Reise, zum Beispiel weil man erst einen Tag später am Urlaubsort ist, können Pauschalreisende gegebenenfalls Ansprüche gegen ihren Reiseveranstalter geltend machen.

"Wer die eigene Handynummer bei der Buchung angegeben habe, wird bei Flugzeiten­änderungen oder -streichungen umgehend von unserem Sicherheits­management informiert", erklärt Melanie Gerhardt von DER Touristik. Und: "Sollte ein Gast wirklich einmal seinen Flug verpassen, kümmern wir uns rund um die Uhr um die Umbuchung."

Wie ist die Lage für Individualreisende?

Wenn du auf eigene Faust Hotel oder Ferienhaus gebucht hast und der Flug storniert wurde, musst du trotzdem bezahlen. Nur wenn die Geschäfts­bedingungen (AGB) des Ferienhaus- oder Hotel­betreibers eine Stornierung vorsehen, kannst du dein Geld zurück­verlangen. Sonst bleibt nur die Kulanz.

Und was ist mit der Flugreise? Entscheidend ist der Zeitpunkt. Erfolgt die Storno-Info von der Airline weniger als 14 Tage vor Abflug, hast du neben dem Wahlrecht zwischen Erstattung und Umbuchung gegebenenfalls noch Anspruch auf eine Ausgleichs­zahlung in Höhe von bis zu 600 Euro - abhängig vom konkreten Einzelfall. Bei Flug­strecken bis 1500 Kilometer sind es zum Beispiel 250 Euro. Das Einzige, was einem dann noch einen Strich durch die Rechnung machen kann: Wenn außergewöhnliche Umstände wie etwa extrem schlechtes Wetter für die Flug­streichung gesorgt haben.

Wichtige Fragen sind laut Verbraucher­schützerin Wojtal: Wann wurde man genau informiert? Wurde ein Ersatzflug angeboten und wenn ja, wie viel später sollte dieser starten beziehungs­weise landen? Wie lang ist die Flugstrecke? Konkret: Erfolgte die Benachrichtigung über die Streichung sieben Tage bis zwei Wochen vor Abflug und wurden Alternativ­flüge angeboten, die maximal zwei Stunden früher starten und maximal vier Stunden später landen als die ursprünglichen Flüge, besteht kein Recht auf Ausgleichs­zahlung. Ist man weniger als sieben Tage vorher informiert worden, gilt das nur noch für Alternativ­flüge, die maximal eine Stunde früher starten und maximal zwei Stunden später landen. Gut zu wissen: Muss man aufgrund einer kurz­fristigen Stornierung am Flughafen auf seinen Alternativ­flug warten, besteht Anspruch auf Betreuungs­leistungen. Je nach Länge der Wartezeit sind das Wojtal zufolge etwa Verpflegung oder auch Hotel­unterbringung.

Der Stau an der Sicherheitskontrolle und seine Folgen

Wen kannst du zur Verantwortung ziehen, wenn du wegen der Schlange an der Sicherheitskontrolle deinen Flug verpasst? Das wird schwierig. Verpasst ein Fluggast wegen langer Wartezeit an der Sicherheitskontrolle den Flug, kann er oder sie Entschädigung für entstandene Kosten des Ersatzfluges verlangen, wenn sich die Person an die Empfehlungen des Flughafens gehalten hat und sich rechtzeitig zum Check-in eingefunden und von dort ohne erhebliche Verzögerung die Sicherheitskontrolle aufgesucht hat (OLG Frankfurt am Main, Urteil vom 27.1.2022, Az.: 1 U 220/20). Airline oder Betreiber müssten organisatorische Fehler im Vorfeld des Check-ins oder der Kontrolle machen, zum Beispiel der Einsatz von zu wenig Personal, die Öffnung von zu wenig Schaltern oder Schleusen oder eine insgesamt schlechte Organisation der Abläufe.

Wichtig ist, den Zeitablauf zu dokumentieren, sagte der Experte für Reiserecht Paul Degott dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). So sollte man Fotos von einigen Situationen machen - etwa von der recht­zeitigen Ankunft am Flughafen, der Schlange im Terminal oder der Zahl der geöffneten Schalter.

Verbraucher­schützerin Wojtal rät außerdem: Wenn es mit dem Erreichen des Fliegers knapp zu werden droht, sollte man darum bitten, bei der Kontrolle vorgezogen zu werden. "Sonst kann dem Fluggast ein Mit­verschulden an dem Verpassen des Fluges angelastet werden."

Der Koffer kommt nicht- was tun?

Zu einer "Gepäck-Lawine" kam es kürzlich am Flughafen London-Heathrow - Passagiere mussten ohne ihre Gepäckstücke abreisen: Da auch die Flughäfen in Deutschland immer wieder überlastet sind, stellt sich die Frage, was Fluggäste machen können.

Die Rechte von Flugreisenden im Falle von Gepäckverspätung, Gepäckverlust und Gepäckbeschädigung sind im Montrealer Übereinkommen geregelt. Gemäß dem Übereinkommen haben Passagiere, deren Koffer verspätet, kaputt oder gar nicht ankommt, Anspruch auf Entschädigung. Die Höhe des Schadenersatzes beträgt, unabhängig von der Anzahl der Gepäckstücke, maximal rund 1.385 Euro pro Person.

Kommt der Koffer verspätet am Wohnort an, gibt es keinen Grund für Ersatzkäufe und somit keinen Anspruch auf Erstattung.

Was kannst du tun, wenn der Koffer fehlt?

Was kann ich tun, wenn mein Koffer verspätet ist? Dass Gepäck gar nicht oder zu spät ankommt, passiert regelmäßig. Die gute Nachricht: 95 % der verlorenen Koffer tauchen wieder auf.

  • Du musst dich nach der Landung direkt am Flughafen beim Lost & Found-Schalter melden.
  • Informieren die Mitarbeitenden, dass du deinen Koffer bei der Gepäckausgabe nicht erhalten hast. Zeige den Gepäck-Sticker, der seit dem Check-in auf der Bordkarte klebt. Mit der Gepäckregistrierungsnummer kann die Airline ermitteln, wo sich das Gepäck befindet.
  • Beschreibe das Gepäckstück so gut wie möglich.
  • Nach der offiziellen Verlustmeldung solltest du dich an die Airline wenden. Erfrage, in welchem Wert du Kosmetik und Ersatzkleidung kaufen kannst.
  • Bei einer Pauschalreise kannst du deine Ansprüche auch gegenüber dem Reiseveranstalter geltend machen. Sprich direkt vor Ort mit dem oder der Reiseleiter*in.

Wer hilft, die Reiserechte durchzusetzen?

Sich selbst durch die Flug­gast­rechte­verordnung wühlen und dann mit den Airlines in Kontakt treten - vor diesem Aufwand scheuen viele zurück. Hilfreich kann an der Stelle zum Beispiel die Flugärger-App der Verbraucher­zentrale NRW sein. Mit der kostenlosen, für iOS und Android ver­fügbaren Anwendung kannst du deine Ansprüche prüfen und eine Mail an die Airline formulieren.

Das Europäische Verbraucher­zentrum bietet ein browser­basiertes Selbsthilfe-Tool bei Flugp­roblemen. Einen Entschädigungs­rechner gibt es auch beim ADAC. So könnten Nutzerinnen und Nutzer im Anschluss einen Musterbrief erstellen und die Schlichtungs­stelle für den öffentlichen Personen­verkehr (SÖP) einschalten.

Außerdem gibt es reichlich Flug­gastrechte-Portale. Anbieter sind etwa MYFLYRIGHT, EUclaim, Fairplane oder Airhelp. Deren Dienst­leistung ist im Erfolgsfall provisionspflichtig, die ist abhängig von der Höhe der Erstattung. Das heißt, ein Teil der Ausgleichs­zahlung kassieren die Flug­gast­helfer ein. Darum ist es ratsam, zunächst selbst die Airline direkt zu kontaktieren, etwa mithilfe der genannten kostenlosen Tools.

Fazit

Dieser Sommer wird für viele Urlauber*innen, die mit dem Flugzeug reisen, anstrengend. Ein Stück weit ist das Chaos vorprogrammiert. Die Airlines und die Flughafengesellschaften kommen da wohl nicht mehr raus. Geduld und Gelassenheit sind also gefragt. Aber alles müssen sich die Reisenden nicht gefallen lassen. Sie haben Rechte und von denen sollten sie auch Gebrauch machen.

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