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Steuerreform 2027: Familien profitieren, Singles verlieren Kaufkraft


Autor: Elisabeth von Sydow

Deutschland, Donnerstag, 22. Oktober 2026

Die Steuerreform 2027 bringt vor allem Familien finanzielle Vorteile. Singles mit mittlerem Einkommen müssen dagegen mit weniger Kaufkraft rechnen.
Die geplante Einkommensteuerreform 2027 bringt vor allem für Familien eine finanzielle Entlastung – Singles mit mittlerem Einkommen profitieren hingegen kaum oder geraten sogar ins Hintertreffen.


Ein wichtiger Baustein der Einkommensteuerreform 2027 ist der Grundfreibetrag, also der Teil des Einkommens, der steuerfrei bleibt. Er soll 2027 von 12.348 auf 12.564 Euro steigen und 2028 weiter auf 12.900 Euro wachsen. Bis die Änderungen in Kraft treten, müssen Bundestag und Bundesrat noch zustimmen, der Entwurf kann also weiterhin angepasst werden.

Die geplante Einkommensteuerreform 2027 entlastet vorwiegend Familien – doch Singles mit mittlerem Einkommen gehen leer aus oder zahlen sogar drauf. Weil der Inflationsausgleich nur teilweise erfolgt, schrumpft die Kaufkraft trotz nominell steigender Löhne.Wir zeigen, welche Geldbeträge Single-Haushalte wirklich bräuchten und wo die Reform Lücken lässt.

Warum Singles bei der Steuerreform 2027 verlieren

Die Bundesregierung hat den Entwurf eines Einkommensteuerreformgesetzes 2027 beschlossen, der ab 2027 erste Entlastungen und ab 2028 die volle Wirkung bringen soll. Im Fokus stehen Familien mit Kindern sowie Menschen mit niedrigen Einkommen; der Steuertarif wird zwischen 17.800 und 70.600 Euro etwas abgeflacht. Für Alleinstehende ohne Kinder bedeutet das jedoch: Die vorgesehenen Maßnahmen gleichen die kalte Progression – also den automatischen Steuerzuwachs bei inflationsbedingten Lohnsteigerungen – nicht vollständig aus.

Besonders stark trifft es Alleinstehende mit mittlerem Einkommen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat ausgerechnet, dass ein Single mit 50.000 Euro Jahresbrutto 2027 um 114 Euro schlechter dasteht, als es bei einem vollständigen Ausgleich der Inflation der Fall wäre. Bei 80.000 Euro Brutto wächst die Lücke auf 265 Euro. Wer also in dieser Einkommensgruppe liegt und keine Kinder hat, verliert real Kaufkraft.

Kritiker sprechen von einer versteckten Steuererhöhung, weil Löhne zwar mit der Inflation steigen, der Fiskus über die Progression aber stärker zugreift. Der Referentenentwurf sieht für 2027 rund drei Milliarden Euro Entlastung vor, ein vollständiger Ausgleich der kalten Progression würde aber bis zu 8,8 Milliarden Euro benötigen. Die Differenz bleibt beim Staat – und fehlt am Ende im Portemonnaie der Arbeitnehmer.

Wie viel mehr gibt ein Single für denselben Lebensstandard aus?

Um die reale Kaufkraft zu halten, müssten die Bruttoeinkommen von Singles deutlich stärker steigen als die offizielle Inflationsrate. Eine Modellrechnung von Focus zeigt: Wer 2021 Konsumausgaben von 2.000 Euro hatte, benötigte 2026 rund 2.445 Euro, um sich denselben Lebensstandard leisten zu können. Das sind fast 500 Euro mehr im Monat.

Für den modellierten Single lag die persönliche Inflation zwischen 2021 und 2026 bei 22,2 Prozent. Diese Beispielrechnung ist keine individuelle Gehaltsberechnung, verdeutlicht aber den Druck auf Single-Haushalte. Hinzu kommt: 43 Prozent des monatlichen Gehalts gehen bei Singles für die Miete drauf. In der Regel sollte der Anteil nicht über einem Drittel liegen.  

Für viele Alleinstehende bedeutet das: Selbst bei tariflichen Lohnanpassungen an die Inflation bleibt am Ende weniger Kaufkraft übrig. Wer keine Kinderfreibeträge oder erhöhtes Kindergeld nutzen kann, spürt die Lücke zwischen nominalem Lohnwachstum und real verfügbarem Einkommen besonders stark.

Sozialabgaben 2027: Warum die Entlastung zusätzlich schrumpfen kann

Neben der Einkommensteuer bestimmen auch Sozialabgaben, wie viel vom Bruttogehalt am Ende übrig bleibt. Das Bundeskabinett hat am 7. Oktober 2026 die Sozialversicherungsrechengrößen für 2027 beschlossen: Die monatliche Beitragsbemessungsgrenze steigt in der Kranken- und Pflegeversicherung von 5.812,50 auf 6.375 Euro, in der Renten- und Arbeitslosenversicherung von 8.450 auf 8.850 Euro. Wer oberhalb dieser Grenzen verdient, zahlt Beiträge auf einen größeren Teil des Bruttolohns, was die Steuerentlastung teilweise wieder aufzehren kann.

Berechnungen von Finanztip zufolge könnte bei einem Bruttogehalt ab rund 6.000 Euro im Monat sogar weniger Netto übrig bleiben, bei Gutverdienern drohen Einbußen von fast 500 Euro im Jahr. Für Singles wird das vor allem oberhalb eines Jahresbruttos von rund 69.750 Euro spürbar, weil dort Beiträge in der Krankenversicherung auf den zusätzlichen Gehaltsteil bis zur neuen Grenze von 6.375 Euro monatlich fällig werden. Die Werte beruhen bislang auf Regierungsentwürfen und können sich bis zum Inkrafttreten noch verändern.

Was die Regierung für 2028 plant – Lücke durch Kaufkraft-Erosion? 

Auch für 2028 zeichnet sich kein vollständiger Inflationsausgleich ab. Die Bundesbank geht davon aus, dass wegen der für 2027 prognostizierten höheren Inflation im Folgejahr Entlastungen in Höhe von 8,5 Milliarden Euro nötig wären. Im September 2026 ist die Inflation in Deutschland zuletzt auf 3,3 Prozent gestiegen – den höchsten Wert seit fast drei Jahren.

Der aktuelle Referentenentwurf sieht jedoch lediglich 2,7 Milliarden Euro Ausgleich vor – unter Einbeziehung des Kinderfreibetrags immerhin 3,025 Milliarden Euro. Ab 2028 sollen zwar weitere sieben Milliarden Euro an Entlastung folgen, sodass sich das Volumen auf rund zehn Milliarden Euro pro Jahr summiert. Doch auch dann bleibt eine Lücke zwischen dem, was ein vollständiger Inflationsausgleich kosten würde, und dem, was tatsächlich im Steuerrecht verankert wird. Für Singles ohne Kinder bedeutet das: Die Reform wirkt, aber sie kompensiert nicht die gesamte Kaufkraft-Erosion.

Bis zum siebten Steuerprogressionsbericht im Herbst 2026 bleibt offen, ob die Koalition nachbessert. Bis dahin müssen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer damit rechnen, dass ein Teil ihrer Lohnzuwächse über die Steuerprogression beim Fiskus landet, statt als echtes Plus im eigenen Geldbeutel anzukommen.