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Kapitalrente kommt: Altersvorsorge per Aktienmarkt – Vor- und Nachteile


Autor: Stefan Lutter

Deutschland, Montag, 27. Juli 2026

Die Kapitalrente soll das deutsche Rentensystem retten – mit Aktien statt Umlage. Doch Ökonomen warnen vor Doppelbelastung und überoptimistischen Renditeversprechen.


Die gesetzliche Rente galt jahrzehntelang als sicherer Hafen für den Ruhestand. Doch der demografische Wandel hat das Fundament der Altersvorsorge in Deutschland ins Wanken gebracht. Immer weniger Beitragszahler müssen immer mehr Rentner finanzieren. Die Antwort der Bundesregierung auf dieses Problem heißt Kapitalrente. Dabei handelt es sich um ein neues Modell der Altersvorsorge, das Rentenbeiträge teilweise an den Kapitalmarkt schickt, statt sie direkt an heutige Rentner weiterzureichen. Eine gesetzliche Kapitalrente ist Teil der großen Rentenreform 2026, die laut dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales auf 33 Empfehlungen der Alterssicherungskommission basiert. Noch bis Ende 2026 soll das Gesetzespaket durch den Bundestag und Anfang 2027 in Kraft treten.

So funktioniert die gesetzliche Kapitalrente: Beiträge fließen in öffentlichen Fonds

Der Plan für die künftige Kapitalrente sieht laut Rentenkommission Folgendes vor: Ab 2028 zahlen Arbeitgeber und Beschäftigte einen Teil des Bruttoeinkommens in einen öffentlichen Fonds ein - ergänzend zur bisherigen Umlagerente, nicht als Ersatz. Zum Start sind das je 0,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Bis 2031 soll dieser Wert in jährlichen Schritten auf je ein Prozent, also zusammen zwei Prozent, steigen.

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Für Kinder zwischen sechs und 18 Jahren ist zusätzlich die Frühstart-Rente geplant. Monatlich zehn Euro sollen steuerfrei in ein Altersvorsorgedepot fließen.

Als Vorbild dient Schweden, wo der staatliche Standardfonds AP7 Såfa seit der Jahrtausendwende läuft. Dem Nachrichtenportal t-online zufolge erzielte er zwischen 2000 und 2025 rund elf Prozent Rendite pro Jahr – bei Kosten von nur 0,05 Prozent.

Vorteile der Kapitalrente: Höhere Renditen und Zinseszinseffekt

Laut dem Deutschen Aktieninstitut brachte ein 20-jähriger DAX-Sparplan historisch rund acht Prozent jährlich – trotz Dotcom-Blase, Finanzkrise und Euro-Schuldenkrise. Stephan Leithner, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse AG, urteilt: "Den Kapitalmarkt nach schwedischem Modell in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen, ist der große Wurf, der nötig war."

Eine gesetzliche Kapitalrente soll mehrere potenzielle Vorteile mit sich bringen:  Eine Investition in globale Aktien und Indexfonds bietet höhere Renditechancen. Der Zinseszinseffekt wirkt bei langer Ansparzeit besonders stark. Das Modell ergänzt das bestehende Umlagesystem, ersetzt es aber nicht. 

Darüber hinaus ermöglicht die Frühstart-Rente jungen Menschen einen staatlich geförderten Einstieg in die Altersvorsorge. Die geplanten Kosten des Staatsfonds von 0,1 Prozent pro Jahr liegen deutlich unter denen privater Anlageprodukte. Auch in anderen Ländern funktionieren vergleichbare Modelle bereits erfolgreich.

Kritik an der Kapitalrente: Doppelbelastung und Risiken für Geringverdiener

Nicht alle Fachleute teilen die Begeisterung für das neue Modell. Kommissionsmitglied Peter Bofinger räumte gegenüber der Tageszeitung taz ein, die Kapitalrente sei beim Gesamtkompromiss "tatsächlich das Hauptproblem". Beschäftigte würden in der Übergangsphase gleichzeitig ins Umlagesystem und neu in den Kapitalstock einzahlen. Zudem helfe die Kapitalrente Menschen mit Altersarmutsrisiko nicht, erklärt Bofinger. Wer ohnehin wenig angespart habe, profitiere kaum. Was konkret bedeutet: Geringverdienende profitieren deutlich weniger als Besserverdienende von dem Modell.

Ebenfalls problematisch: Bei Erwerbsunterbrechungen drohen Rentenlücken mangels Ausgleichsregelungen. Das Problem entsteht bei Menschen, die zeitweise nicht arbeiten (etwa wegen Elternzeit,  Arbeitslosigkeit, längerer Krankheit oder zur Pflege von Angehörigen). Bei der klassischen Umlage-Rente gibt es für solche Lebensphasen bereits Ausgleichsmechanismen wie die Anrechnung von Kindererziehungszeiten als Rentenpunkte.  Für die neue Kapitalrente fehlen solche Ausgleichsregelungen bislang, obwohl der offizielle Abschlussbericht der Alterssicherungskommission (als Pdf) genau darauf hinweist. Wie Finanzexperte Christian Machts vom Vermögensverwalter Franklin Templeton gegenüber news.de erklärte, fallen Erwerbsunterbrechungen bei einer kapitalgedeckten Rente doppelt ins Gewicht – wer früh im Berufsleben weniger einzahlt, verliert nicht nur Beiträge, sondern auch deren Wertentwicklung über Jahrzehnte.

Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung kritisiert zudem "auffällig optimistische Annahmen" bei den Renditeerwartungen. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger warnte vor einer "massiven Mehrbelastung von mehr als 40 Milliarden Euro pro Jahr". Und nicht vergessen werden darf ein Risiko des Aktienhandels an sich: Börsenschwankungen könnten angesparte Mittel kurzfristig stark mindern.