Gast stinksauer: Restaurant sorgt mit strenger Handy-Regel für Aufsehen

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Restaurant mit strenger Smartphone-Regel
In dem Berliner Sternelokal sind Handyfotos unerwünscht.
Restaurant mit strenger Smartphone-Regel
twinsterphoto/AdobeStock (Symbol)

Ein bekanntes Restaurant in Berlin hat eine strikte Smartphone-Regel erlassen. Ein Gast beklagt, dass bei Influencern ein Auge zugedrückt werde.

Zuerst wird das Smartphone gezückt, dann kommen Messer und Gabel: In der #Foodstagram-Community im Internet sind Bilder von kunstvoll arrangiertem Essen beliebt und sorgen für viele Klicks. Sei es Omas traditionelle Küche auf Blümchengeschirr, die aufwendig selbstgebackene Torte im Regenbogen-Stil oder die feinen Portionen in Sternerestaurants – kaum ein Daumen kann dem Auslöser widerstehen.

Doch nicht alle Restaurants sind davon uneingeschränkt angetan. Einerseits sind nicht alle Gäste professionelle Fotografen. Andererseits könnten sich andere Gäste gestört fühlen oder unabsichtlich auf den Bildern im Internet landen. 

Berliner "Nobelhart & Schmutzig": Gast fühlt sich unfair behandelt 

Das Berliner Sternerestaurant "Nobelhart & Schmutzig" unter Führung von Billy Wagner hat sich daher eine eigene Regel bezüglich Fotos am Tisch auferlegt. Ein Gast interpretierte dies als striktes Handyverbot und stornierte seine Reservierung öffentlichkeitswirksam auf Instagram. Er fühlte sich ungleich behandelt, da das Fotografieren der Speisen für Gäste nicht erlaubt sei, für bekanntere Persönlichkeiten etwa aus der Foodblogger-Szene jedoch schon. "Das empfinde ich als ungleich und für mich persönlich auch irritierend", schrieb der enttäuschte Besucher. Auch der fränkische Sternekoch Alexander Herrmann musste sich kürzlich mit Ärger herumschlagen - allerdings rein kulinarischer Natur. 

Die Betreiber des "Nobelhart & Schmutzig" sahen sich veranlasst, auf den wütenden Beitrag zu reagieren: Man wolle "dazu inspirieren, das Telefon mal zur Seite zu legen, dich auf das Erlebnis bei uns einzulassen und ganz bei deiner Begleitung zu sein". Wenn niemand die Sorge habe, von jemandem fotografiert zu werden, könne man sich viel besser entspannen. "Wir sind deswegen dankbar, wenn du dein Handy den Abend über in der Tasche lässt." Allerdings betont das Lokal, dass Gäste, die gelegentlich ein Gericht per Nahaufnahme fotografieren, "nicht rausfliegen". Fotos von "Professionellen" würden persönlich vom Team abgenommen - wenn zu viel vom Raum zu sehen sei, werde um Löschung gebeten. 

Bei ihren Kolleginnen und Kollegen der deutschen Sterneküche stößt die Richtlinie des "Nobelhart & Schmutzig" auf unterschiedliche Resonanz. Im einzigen Drei-Sterne-Restaurant der Hauptstadt, dem "Rutz", versteht man die Aufregung nicht. Jedem Menschen stehe es frei, welche Restaurants er oder sie besuche, erklärte Restaurantleiter Falco Mühlichen auf Anfrage. "Wenn diese Entscheidung auf unsere Kollegen vom Nobelhart & Schmutzig fällt, muss einem klar sein, dass man ein Restaurant mit einem sehr klaren Konzept besucht, das in vielen Bereichen vielleicht die extremste Policy vertritt." 

Ließ Situation "eskalieren": So reagieren Kollegen aus Sternerestaurants 

Damit sei das Unternehmen seit Jahren erfolgreich und stoße Impulse für Diskussionen zu wichtigen Themen an, betont Mühlichen weiter. Wenn man solche Entscheidungen als Affront empfinde, sei dies egoistisch und bedauerlich. "Denn die Situation hätte man sicherlich entspannter klären können, indem man das Restaurant einfach gefragt hätte, ob man fotografieren darf, anstatt die Situation mit einer solchen E-Mail "eskalieren" zu lassen."

Eine spezielle Handy-Etikette im "Rutz" selbst gibt es demnach nicht. "Grundsätzlich dürfen sich alle Gäste in unserem Restaurant frei entfalten. Wer sein Smartphone nutzen möchte, statt den Abend zu genießen, kann dies gerne tun, solange die anderen Gäste dadurch nicht gestört werden", teilt Mühlichen weiter mit.

Etwas strenger handhaben es der Starkoch Tim Raue und die Eigentümerin seines Zwei-Sterne-Restaurants, Marie-Anne Wild. "Wir legen großen Wert auf eine Atmosphäre, in der sich alle Gäste wohlfühlen", teilen sie mit. "Ein respektvoller Umgang mit dem Mobiltelefon trägt dazu wesentlich bei." Die Etikette des Restaurants bezieht sich vor allem auf das Telefonieren. Die Gäste würden bei Bedarf gebeten, ihre Handys lautlos zu schalten.

Was tun, wenn Promi im Lokal sitzt? - "machen Gäste aufmerksam"

Gleichzeitig freuen sie sich sehr darüber, wenn Gäste die Gerichte fotografieren und in den sozialen Medien teilen. "Social Media ist heute ein wichtiges Kommunikationsmittel in der Gastronomie, und authentische Eindrücke von Gästen sind ein schöner Ausdruck von Wertschätzung", betonten Raue und Wild. Gleichzeitig achten die Beschäftigten darauf, dass das Fotografieren die Gesamtatmosphäre nicht beeinträchtigt.

Von einem Newcomer im Sterne-Bereich, dem "Sawito" in Falkensee, das erst im vergangenen Jahr einen Stern vom Feinschmecker-Führer "Guide Michelin" erhalten hat, heißt es zur Handynutzung: "Wir sehen das recht entspannt – unsere Gäste sollen sich wohlfühlen und ihren Besuch so genießen, wie sie möchten", so Küchenchef Marco Wahl. Dazu gehöre für viele heute eben auch, Fotos zu machen und Eindrücke zu teilen.

Ähnlich äußern sich die Sternerestaurants "Alte Überfahrt" in Werder an der Havel und das "Kochzimmer" in Potsdam. Beide schätzen es, wenn das Smartphone liegen oder in der Tasche bleibt. Aber: "Wir vertrauen unseren Gästen, dass sie in einem geselligen Moment nicht mit dem Handy spielen", sagt Gastgeberin Bertine Spieß aus Werder. Postings mit Fotos in den sozialen Medien seien ja auch eine gewisse Werbung für die Restaurants. Eine wichtige Ausnahme gibt es aber, heißt es aus dem "Kochzimmer": "Wenn Personen und Gäste des öffentlichen Lebens im Fokus sind, machen wir Gäste darauf aufmerksam, die Privatsphäre zu wahren." In Österreich hat derweil die Einführung einer neuen Gebühr für leere Teller in vielen Lokalen für Unmut gesorgt.

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