Normalerweise trägt ein Staatsanwalt seine Akten mit den Ermittlungsergebnissen selbst in den Gerichtssaal. In komplizierten Wirtschaftsverfahren schiebt schon mal ein Justizangestellter den Rollwagen voller Leitzordner hinein. Doch der Fall des Brummifahrers Michael K. sprengt jeden Rahmen: Zwei Regalwände mit 250 Aktenordnern zeugen am Montag hinter dem Rücken von Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen vom immensen Aufwand, der nötig war, um den 762-fachen Autobahn-Schützen 2013 nach fünf Jahren Fahndung zu fassen.

Schon eine Stunde vor Prozessbeginn herrscht vor dem Landgericht Würzburg heftiger Andrang. Während der Angeklagte noch im fünf Kilometer entfernten Gefängnis frühstückt, werden Übertragungswagen in Stellung gebracht und Kameras postiert.
Der zumindest an diesem Tag spektakulärste Prozess in Deutschland lockt eine halbe Hundertschaft Journalisten an.


Die Würzburger Fälle
Obwohl noch gar nichts passiert ist, wartet der smarte Sprecher eines Nachrichtensenders auf seinen Einsatz - und Gerichtssprecher Michael Schaller, der nur ein Interview versprochen hatte, wird von Sender zu Sender gereicht. Der Angeklagte wird bis zum letzten Moment vor der Medienmeute bewahrt. Durch die Tiefgarage wird er in den Gerichtssaal geführt. Erst da haben die Fotografen und Kameraleute zwei Minuten Zeit, sich um Bilder zu drängeln.

Michael K., der in der einjährigen Untersuchungshaft zwölf Kilo abgenommen hat, lässt das mit stoischer Gelassenheit über sich ergehen. Um 9.03 Uhr scheint der aufregende Teil des ersten Prozesstages auch schon vorüber. Die Kameraleute und Fotografen müssen den Saal verlassen, ehe Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen mit dem Verlesen der Anklage beginnt. Das dauert annähernd vier Stunden. Die Luft wird stickig, bleierne Müdigkeit senkt sich über die Zuhörer, während Fall für Fall zur Sprache kommt.

Die erste Serie von 105 Schüssen mit einer kleineren Pistole heißt "die Würzburger Fälle": Der Schuss, der Petra B. nahe der Raststätte Würzburg in den Nacken traf, gehört dazu. Drei Monate später entkamen zwei Insassen eines Kleintransporters nur knapp dem Tod. Eine Kugel durchschlug die Scheibe der Fahrertür und trat durch die Scheibe der Beifahrertür wieder aus.

Bei Wertheim schoss der Attentäter im Oktober 2009 auf einen Autotransporter, drei Wochen später am Biebelrieder Kreuz auf einen anderen. "In diesen Fällen bestand die Gefahr, dass es zu Unfällen mit erheblichen Folgen bis zum Tod hätte kommen können", sagt die Anklage.



Ein Teil der Journalisten hat den Saal bereits verlassen, als die Verteidiger am Nachmittag die Schüsse ihres Mandanten in einer Zwölf-Punkte-Erklärung zugeben. Aber Michael K. habe bei den Schüssen auf Autotransporter und andere Lkw "nie auf oder in die Nähe der Kabine gezielt".

Weil bei dem 58-Jährigen noch viel Munition gefunden wurde, geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass die Serie noch lange weitergehen sollte. Der Angeklagte hält dagegen, er habe aufhören und seine Waffen loswerden wollen.

Er sei sich "bewusst, dass mein Verhalten Befremdung hervorruft", erklärt der Angeklagte. "Meine Verhaltensweise ist mir selbst nicht mehr verständlich." Sein Motiv? Er spricht über "Denkzettel" und "Krieg auf der Autobahn", das klingt wirr, ist erklärungsbedürftig. Im Ausland sei er selbst viermal überfallen worden. Aber geschossen hat er vor allem in Deutschland. "Dann haben Sie in Ihrer Rache ja die Falschen getroffen", gibt der beisitzende Richter Klaus Barthel zu bedenken. "Wenn Sie das so sagen, ja," antwortet der Angeklagte.
Da gibt es noch viel Klärungsbedarf, ehe am 15. September möglicherweise ein Urteil fällt. Manfred Schweidler