Es waren die Schreie der anderen Passagiere, die Isabell Konrad aufschrecken ließen. Sie saß ganz vorne in dem Zugabteil, in dem am Montag vergangener Woche ein 17-jähriger Flüchtling aus Afghanistan vier Reisende mit einer Axt und einem Messer schwer verletzt hat. Isabell Konrad möchte erzählen, was sie in dieser Nacht erlebt hat. Um ihre Erlebnisse besser verarbeiten zu können, aber auch aus Respekt vor den Mitreisenden, die ihren Mut zusammengenommen haben, um das Leben der vier Opfer zu retten.


Ins Gedächtnis gebrannte Bilder

Sie hatte dem Abteil den Rücken zugewandt und las versonnen in ihrem Buch. Ihr Mann Bernhard war im Sitz gegenüber eingedöst. Sie weckte ihn, als Menschen in Panik durch den Zug gerannt kamen. "Da ist einer mit einer Axt und einem Messer, und der schlägt um sich", hat eine junge Frau gerufen. Sie trug ein grünes Kleid, ihr rotes Haar war zu einem Zopf geflochten, erinnert sich die 32-Jährige.

Es sind die Bilder, die sich ihr ins Gedächtnis gebrannt haben. Sie war auf der Heimreise von einer fröhlichen Familienfeier. Isabell und Bernhard Konrad, beide promovierte Mathematiker, leben seit drei Monaten in den USA. Bernhard Konrad arbeitet im Silicon Valley beim Internet-Konzern Google. Vor dem Abflug am folgenden Nachmittag wollten sie bei Bernhards Eltern in Hausen übernachten. Kurz vor ihrem Ziel endete die Zugfahrt in einem Alptraum.

Etwa zehn Menschen drängten sich nun im vorderen Teil des Waggons. Nach kurzem Überlegen betätigte einer der Passagiere die Notbremse. Andere hatten bereits mit ihren Handys die Polizei verständigt. Mit einem heftigen Ruck kam der Regionalzug zum Stehen. Noch immer war die Situation unübersichtlich, noch immer hatten die Geflüchteten Angst, der Mann mit der Axt könnte auch sie angreifen. "Es kam mir unheimlich lange vor, bis die Tür aufging", erinnert sich Isabell Konrad, "später hat mir mein Mann erzählt, dass es nur wenige Sekunden gedauert hat."

"Wir haben den Zug durch die vordere Türe verlassen und sind erst einmal weggerannt", erzählt sie weiter. Rechts von ihnen fiel die Böschung des Bahndamms bis zu den angrenzenden Wohnhäusern ab. Die Brennnesseln wuchsen dort mannshoch. "Ich habe gefragt, ob Leute verletzt sind", fährt Isabell Konrad fort, "die junge Frau hat gesagt, einer ist tot, viele sind verletzt, alles ist voller Blut." Aus sicherer Entfernung sahen sie, wie der junge Attentäter den Zug durch die hintere Türe verließ und mit der Axt in der Hand davonging.

Die junge Frau mit dem roten Zopf war es, die als Erste in den Zug zurückging. "Wir sind auch zurück und haben noch kurz mit dem Lokführer gesprochen." Sie habe sich erst Mut machen müssen, um ebenfalls zu den Verletzten gehen zu können, erinnert sich Isabell Konrad, "alles war voller Blut, die Sitze, die Haltestangen".

Zum Glück stellte sich heraus, dass die vier Verletzten noch am Leben waren. Ein junger und ein älterer Mann waren augenscheinlich schwer am Kopf verletzt. Andere Passagiere kümmerten sich um sie. Isabell Konrad nahm sich der beiden verletzten Frauen an. "Mein Mann hat zuerst geholfen, den Verbandskasten zu holen, und ist dann rausgegangen, um sich durch die Brennnesseln zu schlagen, damit die Sanitäter zum Zug konnten." Anwohner waren bereits aufmerksam geworden, boten ihre Hilfe an.


Erste Hilfe geleistet

Die Passagiere im Zug versuchten unterdessen, Erste Hilfe zu leisten, so gut es ging. "Wir waren ja alle Laien", sagt Isabell Konrad. Inzwischen war ihnen klar geworden, dass es sich bei den Opfern um Chinesen handelte. Der jüngste Sohn der Familie, der unverletzt geblieben war, sprach ein wenig englisch und übersetzte. Einige versuchten Verbände anzulegen und die Blutungen zu stillen. Isabell Konrad breitete Aludecken über die Verletzten. Die beiden chinesischen Frauen verlangten nach Wasser. Isabell Konrad kümmerte sich darum und versuchte, den Frauen Trost und Mut zuzusprechen. "Gleich kommt Hilfe", habe sie ihr immer wieder gesagt. Fast eine halbe Stunde habe es gedauert, bis die ersten Sanitäter im Zug eingetroffen seien. Isabell Konrad waren die Minuten wie Stunden vorgekommen, "ich habe mein Zeitgefühl verloren".

Als sich endlich Notärzte und Rettungskräfte der Verletzten angenommen hatten, verließ auch Isabell Konrad den Zug. Anwohner hatten ihr Bad angeboten, damit sich die Passagiere waschen konnten. Hände und Kleider, alles war mit Blut verspritzt.

Später wurden die Passagiere ins eilends eingerichtete Lagezentrum in der s.Oliver-Arena gebracht. "Es war schön zu sehen, dass uns dort geholfen wurde. Ein Notarzt hat uns durchgecheckt, es gab Gulaschsuppe. Uns wurde angeboten, mit einem Notfallseelsorger zu sprechen." Isabell Konrad hat das Angebot ausgeschlagen, wollte sich zunächst selber über das im Klaren werden, was sie erlebt hatte. "Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in dem Moment, als das alles passiert ist, irgendwelche Gefühle hatte", erzählt sie. "Bevor man weiß, was passiert ist, denkt man nur: Ich muss jetzt funktionieren." Kurz vor drei Uhr durfte ihr Schwiegervater das Paar schließlich mit nach Hause nehmen. "Als wir zu Hause waren, waren wir noch völlig aufgedreht. Es war halb fünf, bis wir schlafen konnten."

Bereits um sieben Uhr endete die Nacht. Isabell und Bernhard Konrad mussten sich für den Rückflug nach San Francisco am Nachmittag vorbereiten. Erst im Flugzeug konnten sie ein wenig zur Ruhe kommen. "Es hat zwei Tage gedauert, bevor ich überhaupt Gefühle an mich heranlassen konnte", erinnert sich Isabell Konrad eine Woche später. Gefühle, und die Fragen, die sich daraus stellen.Warum war es ausgerechnet die chinesische Reisegruppe, die der Attentäter angegriffen hat? Isabell Konrad hat eine einfache Erklärung: Der Täter hatte sich in der Toilette bewaffnet und war ins Abteil gestürmt. Die chinesische Familie saß der Toilettentür am nächsten, "das war reiner Zufall".

Isabell Konrad wirkt gefasst. Doch die Erlebnisse haben Spuren hinterlassen. "Um die Nacht in Heidingsfeld verarbeiten zu können, wünsche ich mir, dass jetzt alles gut wird, aber es wird halt nicht gut."