Bei den regionalen Planungsverbänden in Franken sollte man das Thema Windkraft im Moment lieber nicht ansprechen. Soweit das telefonisch zu erkennen ist, schlagen die zuständigen Mitarbeiter nur noch die Hände über dem Kopf zusammen. Die Planungsgrundlagen ändern sich ständig. "Das Fähnchen dreht sich im Wind", findet ein Regionalplaner ein durchaus passendes Bild.

"Fortschreibung", "Änderung der Planung", "Anhörungsverfahren", "Stand der Planung vom ...": Will man sich über den Stand der Windkraft-Planung in Ober-, Unter- und Mittelfranken schlaumachen, wird man zumindest im Internetangebot der regionalen Planungsverbände beziehungsweise der übergeordneten Regierungen in Bayreuth, Ansbach und Würzburg nicht wirklich schlauer.
Die Planung tritt auf der Stelle und hat nach den jüngsten Äußerungen des Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) sogar noch einen Schritt zurück gemacht.

Seehofer möchte in einer seltenen Allianz mit seinem sächsischen Amtskollegen Stanislaw Tillich (CDU) dafür sorgen, dass der "Sicherheitsabstand" von Windkraftanlagen zu Wohngebieten vergrößert wird. Derzeit gilt in Bayern ein Mindestabstand von 800 Metern, unabhängig von der Höhe des Windrads. Seehofer möchte einen Abstand festschreiben, der der zehnfachen Höhe eines Windrads entspricht. Aktuell sind etwa im unterfränkischen Landkreis Schweinfurt Windkraftanlagen der neuesten Generation mit bis zu 200 Metern Höhe im Bau.

Sie müssten nach dem Seehofer-Vorstoß mindestens zwei Kilometer von den nächsten Wohngebäuden entfernt stehen; damit schrumpft die Größe der potenziellen Windkraftflächen dramatisch - ein Rückfall in die Zeiten, als der "Bayerische Windatlas", der heute die Energiewende beflügeln soll, ein Instrument zur Verhinderung von Windkraftanlagen war. Die wollte vor Fukushima fast kein bayerischer Bürgermeister haben, heute möchte jeder ein Stück vom Kuchen. "Es ist ein schwieriger Spagat", sagt Rainer Kern, der bei der Regierung von Unterfranken die Windkraftplanung koordiniert.

Einfach schwierige Rechnung

Dabei sieht die Rechnung so einfach aus: Bayern möchte in 20 Jahren etwa ein Zehntel des Strombedarfs aus Windkraftanlagen decken. Dazu müssten sich in Bayern rund 1500 Windräder drehen. Aktuell sind es nach Angaben des Bundesverbands Windenergie 500. Also werden noch 1000 Windräder gebraucht - bei 2000 Gemeinden im Freistaat in jeder zweiten Kommune eins. Wo also ist das Problem?

Das Problem ist, dass ein Windrad vor allem eins braucht: Wind. Und der weht erfahrungsgemäß in der Höhe stärker als im Tal. Damit scheidet ein Großteil der Landesfläche für den Bau von Windrädern aus, ebenso die dicht bebauten Stadtregionen wie rund um München und Nürnberg.

Die Tatsache, dass viele Hügel in Bayern, auf denen der Wind kräftig bläst, Naturschutzgebiete, Biosphärenreservate oder Naturparke sind wie Rhön oder Steigerwald, macht die Suche nach Standorten schwierig. Hinzu kommt, dass es wenig Sinn macht, die Windräder gleichmäßig über die Landschaft zu verteilen. Denn sie müssen auch ans Stromnetz angeschlossen werden ... Diese vielen Faktoren und jüngst der Widerstand der Bürger, der sich wie im unterfränkischen Riedbach (Kreis Haßberge) gegen die Wind-Pläne regt, machen diesen Aspekt der Energiewende zu einem hochpolitischen Thema, das von der Bundes- auf die Landesebene, hinunter zu den Gemeinden und wieder nach oben durchgereicht wird. "Das ist keine Planung, das ist ein Chaos", sagt der energiepolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Hans-Josef Fell aus Hammelburg.

Er fährt schwere Geschütze auf und wirft der Landesregierung in München "Rechtsbruch" vor. "Das ist ein Bummelbeschluss, mit dem die Behörden in Bayern offen dazu aufgefordert werden, bestehende Regelungen auf Bundesebene zu missachten", sagt Fell. "Kommt Seehofer damit durch, sind die Ziele der Energiewende nicht mehr zu erreichen."

So weit geht der Vorsitzende des Bayerischen Städtetages, der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD), nicht.

Er sieht "nicht den Hauch einer Chance", dass sich Bayern und Sachsen mit der Initiative im Bundesrat durchsetzen werden. "Das ist ein durchsichtiges Wahlkampfmanöver, mit dem Seehofer die Gemüter in Bayern beruhigen will." Nach dem 15. September (Landtagswahl) "wird man davon nichts mehr hören", ist sich Maly sicher.

Für ihn ist der Zug der Energiewende nicht mehr aufzuhalten, einen Sprung zurück ins Atomzeitalter befürchtet er nicht. "Wir sind ja beim Ausbau der erneuerbaren Energien ohnehin schon ein ganzes Stück weiter als geplant." Allerdings erweise der Ministerpräsident gerade den Kommunen mit Äußerungen wie denen zur Windenergie einen Bärendienst. "Wir müssen die Energiewende vor Ort umsetzen und brauchen eine breite Zustimmung der Bürger. Wenn der Ministerpräsident da querschießt, haben wir ein Akzeptanzproblem, und das können wir gar nicht brauchen."