Mit dem Schwein im Namen hadern die Schweinfurter schon lange, auch wenn sie aus der Not eine Tugend und die opulente Schlachtschüssel zum Nationalgericht gemacht haben.
Auch sonst lässt das Schwein die Stadt am Main nicht los. Die wilden Verwandten dessen, was bei der Schlachtschüssel auf dem Tisch landet, sorgen im Straßenverkehr für eine Sauerei.

Seit Monaten verengt eine zwei Kilometer lange Stahlplanke die Bundesstraße 26 vor den Toren Schweinfurts. 13.000 Autos, Busse und Laster zwängen sich jeden Tag durch das Nadelöhr, Tempo 60, Überholverbot, ab und zu im Stop and Go. Schildern warnen vor Steinschlag und Wildwechsel, und der ganze Aufbau erweckt den Eindruck, als würde hier bald eine größere Baumaßnahme beginnen.


Die Hände gebunden

Aber die Bagger werden nicht so schnell anrollen, wenn überhaupt. "Uns sind hier erst einmal die Hände gebunden", sagt Matthias Wacker vom Staatlichen Bauamt Schweinfurt. Der Schilderwald und Schiene sollen die Autofahrer auf der B26 vor Steinen schützen. Unmittelbar neben der Bundesstraße erhebt sich zwischen Mainberg und Schweinfurt ein steiler Hang. Dort wurde bis Mitte des 20. Jahrhunderts intensiv Weinbau betrieben. Die meisten kleinen Winzer haben ihre Rebhänge aufgegeben und nutzen die steile Böschung gar nicht mehr oder nur als Freizeitgrundstück.

Aus dem Weingarten ist in weiten Teilen eine Wildnis geworden, mit undurchdringlichem Buschwerk, das sogar Naturschützern ein Dorn im Auge ist. Die Artenvielfalt der von der Sonne verwöhnten Weinbergsmauern ist im schattigen Dickicht längst verschwunden.


Enorme Wühltätigkeit

Umso wohler fühlen sich die Wildschweine. "Erst waren es ein paar, dann waren es viele, jetzt sind es ganze Rotten, eine Plage", berichtet ein Anwohner aus Mainberg. Am anderen Ende des Landschaftsschutzgebietes klagen die letzten verbliebenen Schweinfurter Winzer über die ungebetenen Besucher. "Mein Weinberg sieht manchmal so aus, als wäre ein Bauer mit dem Pflug durchgefahren", schildert Klaus Kupfer die "Sauerei".

Ein paar Etagen weiter unten sorgt die Wühltätigkeit für vermehrten Steinschlag - und für Ratlosigkeit bei den Behörden. Die Jagd auf die Schweine ist im Landschaftsschutzgebiet mit vielen Wanderwegen schwierig bis unmöglich. Die meisten Säue sterben nur dann eines unnatürlichen Todes, wenn sie sich auf die Straße verirren. Das traf jüngst eine Bache und zwei Frischlinge, denen ein Jäger den Gnadenstoß mit dem Messer geben musste. Was ebenfalls für einen Aufreger sorgte...

Bleibt im Falle der Straße der Buchstabe des Gesetzes. Der verpflichtet die Eigentümer der Grundstücke zur Verkehrssicherung. Das sind auf dem Problemberg an der B26 gut und gerne 60 Anlieger, mit denen die Behörden verhandeln müssen.

Ob sie alle greifbar sind, ist fraglich. Noch fraglicher dürfte sein, ob sie nach dem ersten amtlichen Schreiben sogleich loslegen, Büsche roden, lose Steine entfernen und Weinbergsmauern neu setzen ... "Ich brauch' den Rangger nedd, außerdem bollern die Stee ja vom Nachbarn oben runner", beschreibt einer der Betroffenen die Haltung, die er mit anderen teilt.

Die Ultima Ratio hieße "Ersatzvornahme", sprich die Beseitigung der Gefahr auf dem privaten Grund von Amts wegen auf Kosten des Eigentümers - eine Prozedur, die hier noch um den Faktor 60 schwieriger ist angesichts so vieler Anlieger.

Bis eine Lösung gefunden ist, bleiben die Schiene auf der Straße und der Schilderwald erst einmal. Die Schilder, die vor der Gefahr durch Wildwechsel warnen, zeigen allerdings ein Reh. Ein Wildschwein wäre treffender. Man ist ja in Schweinfurt.