"Das stimmt." Schweinfurts Ordnungsreferent Jan von Lackum sind durchaus Fälle von in Not geratenen Schweinfurtern bekannt, die sich partout von der Stadt oder dem Staat nicht helfen lassen wollen.

Die nicht bereit oder in der Lage sind, einen Antrag zu stellen, der Hilfe verspricht. Und das, obwohl die finanzielle Not der Betroffenen immer größer geworden ist, zum Beispiel eine Räumungsklage und damit der Verlust der Wohnung ansteht. Kein Antrag, das bedeutet kein Geld und in der Folge auch kein Wohnraum mehr.

Erhöhung um fast 100 Prozent

Das Thema geriet nach einem Beschluss des Schweinfurter Stadtrates zur Erhöhung der Nutzungsgebühren der städtischen Obdachlosenunterkunft in die Öffentlichkeit. Seit dem Jahr 1994 hatte die monatliche Gebühr für die Unterkunft am westlichen Stadtrand 2,60 Euro je Quadratmeter betragen. Nun beschloss das Ratsgremium eine Erhöhung auf fünf Euro, immerhin beinahe 100 Prozent.

Wobei diese Erhöhung von Obdachlosigkeit bedrohte Schweinfurter eigentlich nicht treffen sollte. Vorausgesetzt, es werde ein entsprechender Antrag gestellt, so von Lackum. Damit die bürokratische Hürde keine zu große ist, bietet die Schweinfurter Wohnungslosenfürsorge Unterstützung beim Ausfüllen der Anträge an. Entstehende Mehrkosten würden dann übernommen. Zum Beispiel über das Arbeitslosengeld II. Dann würden weder der Antragsteller noch die städtische Kasse zusätzlich belastet, sondern der Bund.

Wobei die Kommunen allerdings gesetzlich dazu verpflichtet sind, Obdachlosenhilfe zu gewährleisten, wenn andere staatliche Hilfen nicht greifen. Wie auch immer, die Hürde "Antragsformular"existiert für einige Betroffene. Betroffen, das sind im Schweinfurter Fall derzeit jene 51 Menschen, die in der Obdachlosenunterkunft wohnen. Eigentlich nur vorübergehend, bis eine neue Bleibe gefunden ist. Aber die Stadt gibt sich großzügig, solange der Platz ausreicht, heißt es seitens der Verwaltung.

Meist Zweibett-Zimmer

Für 15 Quadratmeter Wohnraum müssen nach dem Ratsbeschluss jetzt 75 statt 39 Euro gezahlt werden. Nach Mitteilung der Stadtverwaltung bestehen die betreffenden Räumlichkeiten meist aus Zweibett-Zimmern, bei der Klientel handelt es sich in erster Linie um alleinstehende Schweinfurter.

Steigende Armut

Wenn Familien mit Kindern in Not geraten, sucht und findet man bisher in Schweinfurt andere Unterbringungsmöglichkeiten. Wobei Jan von Lackum schon eine beunruhigende Entwicklung feststellt: "Unsere Fallzahlen steigen seit Jahren kontinuierlich an."

Heißt: Die Armut im Land wächst. Die Ursachen für soziale Notlagen sind schnell ausgemacht: Langanhaltende Krankheit, prekäre Einkommensverhältnisse, Arbeitsplatzverlust oder Trennung und Scheidung. Verschärft wird die Situation noch durch die Wohnungsnot in Bayern, gerade in den Städten des Freistaats.

Wobei Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit durchaus zu unterscheiden sind. "Obdachlosigkeit ist ein anderes Thema als Wohnungslosigkeit", erklärt Thomas Beyer Landesvorsitzender der Arbeiterwohlfart (AWO) in Bayern.

Im ersten Fall handle es sich um Menschen, die auf der Straße leben, umherreisen und immer nur einige Tage an einem Ort verbringen. Für diese Menschen hält die Stadt Schweinfurt zum Beispiel einige Ferienwohnungen parat, in die Obdachlose kostenlos für einige wenige Tage aufgenommen werden. Die Gruppe, so Beyer, sei überschaubar.

Bei der Wohnungslosigkeit sieht das schon etwas anders aus. Unter diese Rubrik fielen einer flächendeckenden Untersuchung der Bayerischen Staatsregierung zufolge im Jahr 2014 in Franken etwa 3200 Personen. Allein in der Frankenmetropole Nürnberg gelten derzeit über 2000 Menschen als wohnungslos und von der Stadt ordnungsrechtlich untergebracht.

Im Fall Schweinfurts und der betroffenen 51 Bewohner der Obdachlosenunterkunft hofft jetzt der Stadtrat der Linken, Frank Firsching, auf eine Ausnahmeregelung von der Gebührenzahlung für diejenigen, die mit einem schriftlichen Antrag nicht zurechtkommen.

Es sollte für die Verwaltung Mittel und Wege geben, diesem nachvollziehbaren Wunsch zu entsprechen.