Integration ist derzeit in aller Munde. Tag für Tag gibt es neue Informationen, die das Thema in der einen oder anderen Weise aufgreifen. Es gibt politische Diskussionen und Forderungen, es ist Wahlkampfthema und Stammtischgespräch. Als das Jahresprogramm für das "Haus der Langen Rhön" Anfang 2016 aufgestellt wurde, konnte Michael Dohrmann nicht ahnen, welche Brisanz und Aktualität die Ausstellung "Ich integriere mich von frühmorgens bis spätabends — Vom Wegmüssen und Ankommen" haben wird.

Die Ausstellung wurde bereits vor zehn Jahren von Hermine Oberück und Gertraud Strohm-Katzer (Minden) konzipiert und wird ständig fortgeschrieben, erklärte Dohrmann. 75 Fotoporträts zu Menschen mit ganz unterschiedlichem Migrationshintergrund seien im Laufe der Jahre entstanden. Doch nicht nur die Bilder, sondern die Geschichten der Menschen, ihre Schicksale und Erlebnisse, wurden gesammelt.
Es geht um Männer und Frauen im Alter von 10 bis 80 Jahren aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen und Berufsgruppen, die nun an verschiedenen Orten in Deutschland leben, heimisch geworden oder fremd geblieben sind.
Im Haus der Langen Rhön in Oberelsbach ist eine Auswahl von 32 Fotoporträts und Texttafeln zu sehen. Sie laden ein, den Menschen nahe zu kommen, ihre Geschichte zu erfahren, ihnen zu begegnen und sich einzulassen auf Schicksale und Ereignisse.
Die Ausstellung beginnt mit Vertriebenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen mussten und in Deutschland einen Neuanfang wagten. Sie erzählen ihre Geschichte, authentisch und ungeschminkt. Ob Flüchtlinge und Heimatvertriebene, "Gastarbeiter" der ersten oder zweiten Generation, aus politischen oder religiösen Gründen Verfolgte aus aller Welt oder moderne "Wirtschaftsimmigranten" aus Südosteuropa und Afrika - sie alle haben bei aller Unterschiedlichkeit zumindest eines gemeinsam: ihren Migrations- bzw. Zuwanderungshintergrund und die damit verbundene Aufgabe, in der Fremde eine neue Heimat zu finden.
Die Porträts und Texte lassen die Menschen selber zu Wort kommen, um ihre Geschichten zu erzählen. So werden ihre Beweggründe, Interessen und Einschätzungen für die Betrachter sichtbar und verstehbar. Es ist ein dokumentarischer Beitrag zur Geschichte und Entwicklung der unterschiedlichen Migrationsbewegungen nach und in Deutschland, der die Betrachtenden andererseits zum Nachdenken und zum Hinterfragen eigener Vorurteile anregt. Vor 100 Jahren waren viele Rhöner Wirtschaftsflüchtlinge, die nach Amerika gingen, erinnerte Dohrmann. Wirtschaftliche, politische und religiöse Gründe seien es auch heute, die Menschen veranlassen ihre angestammte Heimat zu verlassen. "Mit der Ausstellung möchten wir unterstreichen, wie wichtig es ist, dass die Menschen, die zu uns kommen, eine gute Aufnahme finden." Auch der Leiter der Bayerischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservat Rhön, Michael Geier, erinnerte an die Auswanderungswellen aus den Walddörfern vor dem Zweiten Weltkrieg. Das Auswanderungsbüro von Hapag Lloyd in Langenleiten sei erst 1950 geschlossen worden. Er fragte in die Runde: "Wer hat nicht irgendeinen Migrationshintergrund in der Familie?"
Die aktuelle Diskussion möchte er "normaler, direkter und pragmatischer" angehen: "Da sind Menschen bei uns angekommen, die Hilfe brauchen. Anschluss an das Rhöner Leben zu finden, kann ganz einfach und unkompliziert möglich sein." Das Problem sei häufig die Unflexibilität auf behördlicher Ebene. "Nicht bei uns im Landkreis, nicht auf Kreis- und Kommunalebene. Aber der Bund war überfordert. Die Nachwehen spüren wir jetzt noch." Das dürfe aber nicht heißen, dass die, die in der Rhön angekommen sind, keinen bestmöglichen Start in ein neues Leben bekommen.
Der stellvertretende Bürgermeister des Marktes Oberelsbach, Klaus Spitzl, unterstrich das unkomplizierte und unbürokratische Handeln im Landkreis Rhön-Grabfeld, das deutlich machte, dass es um Menschen und Menschlichkeit gehe.
Der stellvertretende Landrat Peter Suckfüll dankte Dohrmann für die Ausstellung und die Bereitschaft im Jubiläumsjahr des Biosphärenreservats über den Tellerrand hinauszuschauen und ein aktuelles Thema aufzugreifen. Die Ausstellung sei ein Gegenpol zu derzeitigen negativen Stimmung. Durch die Fotoporträts werde deutlich, dass es um Menschen geht, um Menschen und ihre persönlichen Schicksale.
Im Landkreis Rhön-Grabfeld seien derzeit 790 Asylbewerber, die zum Großteil aus Syrien stammen, untergebracht. Die Ausstellung in Oberelsbach trage dazu bei, Vorurteile abzubauen und zeige, wie wichtig es sei, sich mit den Geschichten der Menschen zu beschäftigen. Im Landkreis Rhön-Grabfeld funktioniere die Integration dank der vielen ehrenamtlich engagierten Freiwilligen sehr gut.
Zu diesen Freiwilligen zählen Barbara und Volker Dauscher, die sich engagiert um Asylbewerber bemühen. Tahir Gholami und seine dreijährige Tochter Atafeh waren zur Ausstellungseröffnung gekommen. Dauscher berichtete von den Erfolgen im Deutschunterricht und der Perspektive, bei einem Malergeschäft in der Region eine berufliche Grundlage zu erwerben. Schon in Afghanistan sei Tahir Gholami in diesem Handwerk tätig gewesen. Seine Heimat verließ er mit seiner Frau, zwei Kleinkindern und seinem Neffen, da die Taliban sie unter Druck setzten, sich ihnen anzuschließen.
Die Ausstellung wird bis zum 24. Oktober im Haus der Langen Rhön gezeigt. Öffnungszeiten: täglich außer Dienstag, 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. me