Dag Encke war gleich am Anfang an der Reihe. Der Direktor des Nürnberger Tiergartens saß im hellen Anzug im Sitzungssaal 4.700 des Berliner Paul Löbe Hauses. Ein Ausweis an seiner Sakko-Tasche wies ihn als Gast aus. Dag Encke war einer von acht Sachverständigen, die der Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Deutschen Bundestages am Mittwoch eingeladen hatte. Auf der Tagesordnung stand eine öffentliche Anhörung. Thema: "Haltung von Delfinen beenden."

Die Opposition im Bundestag hatte den Antrag gestellt. Die Abgeordneten wollten wissen, warum nur noch zwei Delfinarien in Deutschland existieren. Eines in Duisburg, das andere im Tiergarten Nürnberg. Der Ausschuss hatte einen Katalog mit 20 Fragen an die Experten verschickt. An Delfinariums-Befürworter und Gegner. Darunter Fragen wie: Welchen Beitrag tragen Delfinarien zum Artenschutz bei? Oder: Ist eine artgemäße Haltung von Delfinen ohne Stress möglich?

Dag Encke hatte die Fragen bereits vorab beantwortet. Auf 21 Seiten. Einer der ersten Sätze: "Der Antrag entbehrt jeder Grundlage." Encke schrieb von falscher Argumentationsgrundlage der Kritiker, davon, dass die Erfüllung der Bedürfnisse von Tieren ein Ziel der Zootierhaltung sei und, dass die Simulation des ursprünglichen Lebensraumes einer Tierart nicht immer zielführend sei. Dann nannte er die Gnus, die sie auch in Nürnberg haben, die aber normalerweise "durch die Savanne latschten." Die Ausschussmitglieder grinsten. Dag Encke machte das gut. Locker und verständlich. Die Argumente, die da jetzt gegen Delfine angeführt würden, könnten für jede Tierart gelten. Der Nürnberger kennt den Konflikt.

Wiederkehrender Konflikt

Der trat beispielsweise zu Tage, als die Delfinlagune im Nürnberger Tiergarten 2011 eröffnet wurde: Tiergartendirektor Dag Encke freute sich über den Platzgewinn für die Delfine, die fortan in sechs verschiedenen Becken im Meerwasser schwimmen konnten. Doch die Kritik an der Delfinhaltung ebbte trotz der Baumaßnahme nicht ab. Die Delfinschützer warfen dem Zoo keine artgerechte Haltung vor. Jetzt hat die Diskussion ihren Höhepunkt erreicht: Die Bild-Zeitung kündigte am Mittwoch schon einmal sicherheitshalber das mögliche Ende der Nürnberger Delfine an. Doch bereits am Vormittag sagte Nicola Mögel, die Sprecherin des Tiergartens auf unsere Anfrage. "Wir würden die Delfine nicht umbringen."

Als die Anhörung in Berlin um 14 Uhr am Mittwoch startete, zeichnete sich die Konfliktlinie sehr schnell ab. Auf der einen Seite die Direktoren der Tiergärten. Auf der anderen Seite die Experten von Tierschutzverbänden. Zum Beispiel Philip Loos, ein Biologe vom Wal- und Delfinschutzforum. Er hatte bereits in seiner schriftlichen Stellungnahme geschrieben, dass eine artgerechte Haltung von Delfinen ohne Stress in Deutschland nicht möglich sei. In der Anhörung, die live im Internet übertragen wurde, erklärte er, ein tiergärtnerisches Modell sei für Delfine nicht darstellbar. Weil Weibchen und Männchen normalerweise nicht zusammenlebten, es bei Männchen und Männchen gefährlich werde und die Tiere deshalb mit Valium ruhig gestellt würden. Sein Kompromissvorschlag: die Einfuhr von Delfinen solle verboten werden, die Zucht aufgegeben, außerdem solle die Haltung in den beiden deutschen Delfinarien langsam auslaufen.

Dass tote Delfine auch in Nürnberg vorkommen, schrieb Dag Encke bereits in seiner Stellungnahme: Zwischen 1971 und 2013 seien 28 Große Tümmler in Nürnberg gestorben. 16 als Kälber, und von den 12 erwachsenen Tieren sieben in einer frühen Phase des Delfinariums.

Die Anhörung in Berlin kam für den Nürnberger Tiergarten nicht überraschend. "Wir haben das aber nicht an die große Glocke gehängt," sagt Sprecherin Nicola Mögel. "Wir haben uns darauf vorbereitet."

Kein Ende der Nürnberger Delfine

Aber das hatten die Befürworter des Antrages auch: sie führten Medikamente an, mit denen Delfine ruhig gestellt würden, widersprachen dem Artenschutzgedanken durch die Tiergärten, da der Große Tümmler nicht auf der Liste der bedrohten Arten stehe. Sandra Altherr von Pro Wildlife sagte, die Delfine würden in den Delfinarien als "Zirkusakrobaten" gehalten.

Über zwei Stunden lang tauschten die acht Sachverständigen Argumente aus und beantworteten Fragen der Abgeordneten. Um kurz nach 17 Uhr sagte Hans-Michael Goldmann (FDP), der Vorsitzende des Ausschusses: Das war ein Antrag der Opposition, der im Moment keine Mehrheit findet." Er dankte für die Diskussion, dann löste sich der Ausschuss auf. Am Abend sagte Dag Encke am Telefon: "Das Ergebnis ist für mich nicht überraschend." Für ihn sei es interessant gewesen, wie die Politik mit solchen Themen umgeht. "Wir haben gesehen, wo die offenen Fragen sind." Ein Ende der Delfinhaltung in Nürnberg scheint nicht in Sicht.