Schwere Vorwürfe gegen Tiergarten Nürnberg: 7 von 9 Pavianbabys tot
Autor: Erik Jasper, Manuel Dietz
Nürnberg, Mittwoch, 22. Juli 2026
Erneut steht der Tiergarten Nürnberg wegen seiner Pavian-Haltung in der Kritik. Tierschützer erheben nun schwere Vorwürfe. Der Zoo selbst rechtfertigt sein Vorgehen.
Aufgrund von Platzmangel im Gehege tötete der Tiergarten Nürnberg vor knapp einem Jahr insgesamt zwölf seiner Guinea-Paviane. Nach Angaben des Tiergartens hatte man zuvor jahrelang vergeblich nach einem neuen Zuhause für die Tiere gesucht und schließlich keinen anderen Ausweg mehr gesehen, um weiterhin eine artgerechte Haltung zu gewährleisten. Die umstrittene Maßnahme sorgte in der Folge auch überregional für Aufsehen und befeuerte die ohnehin bereits hitzig geführte Debatte über Ethik, Artenschutz und Zoopraxis.
Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen riefen zu Protesten auf und beschuldigten den Tiergarten eines Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz. Da die Tötung gesunder Tiere ohne triftigen Grund nach dem deutschen Tierschutzgesetz eine Straftat darstellt, sind innerhalb weniger Wochen hunderte Strafanzeigen wegen mutmaßlicher Verstöße bei der Staatsanwaltschaft eingegangen. Seither laufen die Ermittlungen. Knapp ein Jahr später meldet sich nun die Tier- und Artenschutzorganisation "Pro Wildlife" zu Wort. In einer Pressemitteilung, die inFranken.de bereits vor der geplanten Veröffentlichung am Mittwoch (22. Juli 2026) vorliegt, üben die Tierschützer erneut heftige Kritik am Tiergarten Nürnberg.
Tierschützer mit heftiger Kritik an Pavian-Zucht im Tiergarten Nürnberg - "hat mit Artenschutz nichts zu tun"
Wie "Pro Wildlife" in der Mitteilung erklärt, habe sich trotz laufender strafrechtlicher Ermittlungen auch knapp ein Jahr später nichts an der Vorgehensweise des Tiergartens Nürnberg geändert. Dass der Zoo "aus der Tötung keine Konsequenzen gezogen" habe, belegen demnach die jüngsten Daten. Denn seit der Erschießung der zwölf Paviane am 29. Juli 2025 wurden neun Pavianbabys im Tiergarten geboren, von denen jedoch sieben bereits kurz nach ihrer Geburt wieder verstorben sind. Der Tiergarten Nürnberg bestätigt diese Zahlen am Dienstag (21. Juli 2026) auf Nachfrage von inFranken.de.
"Trotz des laufenden Ermittlungsverfahrens züchtet der Tiergarten weiter Guinea-Paviane, angeblich für den Artenschutz", sagt Laura Zodrow, Zoo-Expertin bei "Pro Wildlife". "Unsere Auswertung der Bestandsbücher belegt jedoch, dass diese Zucht mit Artenschutz nichts zu tun hat", so Zodrow. Demnach wurden in den vergangenen 35 Jahren 187 Guinea-Paviane im Tiergarten Nürnberg geboren, ohne dass Tiere von außen dazugekommen seien. Dabei sei es eigentlich üblich, dass Tiere zwischen Einrichtungen ausgetauscht werden, um Inzucht zu verhindern. In Nürnberg ist demnach jedoch seit 35 Jahren "kein einziges Tier aus einer anderen Haltung aufgenommen" worden.
Zudem sei "bei keinem einzigen der in Nürnberg gezüchteten Tiere der Vater erfasst". Bei 76,5 Prozent der in Nürnberg geborenen Tiere fehlen laut "Pro Wildlife" sogar Angaben zu beiden Elternteilen. "Das hat mit seriöser Erhaltungszucht nichts zu tun", kritisiert Zodrow. "Es widerlegt die Behauptung, der Tiergarten züchte Guinea-Paviane als genetische Reserve für den Artenschutz." Außerdem seien die Nürnberger Paviane für eine Auswilderung gar nicht geeignet. Das liege zum einen an der "jahrzehntelangen Inzucht", zum anderen aber auch daran, dass "kein Auswilderungsprojekt oder geeignetes Schutzgebiet" existiere.
"Produziert enormes Tierleid": Pro Wildlife befürchtet erneute Pavian-Tötungen - Tiergarten wehrt sich gegen Vorwürfe
Weil die letzten Abgaben von Guinea-Pavianen an andere Einrichtungen laut "Pro Wildlife" zehn Jahre zurückliegen, gleichzeitig aber kein Ausbau des Geheges geplant sei, werde das Platzproblem somit früher oder später wieder auftauchen. "Wir befürchten, dass bald schon die nächsten Paviane erschossen werden könnten", heißt es deshalb vonseiten der Tierschützer. Deshalb fordere man nun, "die Zucht der Guinea-Paviane im Tiergarten Nürnberg unverzüglich zu beenden".
"Statt wirksamen Artenschutz im natürlichen Lebensraum zu finanzieren, verschwendet der Tiergarten Ressourcen in einer unkoordinierten Zucht – ohne den notwendigen Platz, ohne Auswilderungsperspektive – und produziert dabei enormes Tierleid", so Zodrow. "Das ist verantwortungslos – und schon gar kein Beitrag zum Artenschutz." Zudem fordert Pro Wildlife eine rechtliche Verpflichtung für Zoos, wonach nur dann gezüchtet werden dürfe, wenn der Nachzucht eine "dauerhafte artgemäße Unterbringung und ein geeignetes Auswilderungsprojekt" geboten werden könnten. Auf Nachfrage von inFranken.de hat sich der Tiergarten Nürnberg am Dienstag (21. Juli 2026) zu den Vorwürfen geäußert.