• "Rassismus"-Aufreger im Nürnberger Spielzeugmuseum
  • Rund 80 Ausstellungsstücke laut Leiterin "rassistisch bis kompliziert" 
  • Besucherin aus den USA hatte Tanzfigur angeprangert
  • Leiterin will die meisten Figuren weiter zeigen - aber nicht einfach so 

Im Nürnberger Spielzeugmuseum ist eine Debatte um Rassismus entbrannt: Das Spielzeugmuseum in Nürnberg reagiert mit einer Sonderschau auf Rassismus-Vorwürfe, die ausgestelltes Spielzeug betreffen. Die Leiterin des Spielzeugmuseums, Karin Falkenberg, bestätigte auf Anfrage von inFranken.de, dass zehn Spielzeuge in der Hauptausstellung und mindestens 70 weitere im Museumsdepot "klar rassistisch bis zumindest problematisch" seien. Deshalb hätten die Museumsmitarbeiter bereits 2018 entschieden, die betroffenen Figuren und Spielzeuge vorerst aus der Hauptausstellung zu entfernen

"Rassismus" im Nürnberger Spielzeugmuseum: Besucherin aus USA empört

Die Debatte angestoßen hatte laut Falkenberg eine Besucherin aus den USA mit afroamerikanischen Wurzeln. "Die Dame hatte sich an der Kasse beschwert und von dort aus bei mir im Büro angerufen." Konkret ging es um die Blechaufziehfigur "Alabama Coon Jigger". "Coon" ist ein Schimpfwort für Schwarze in den USA, "Jigger" ein Parasit aus der Familie der Sandflöhe. Die Spielzeugfigur aus dem Jahr 1912 tanzt, wenn man den eingebauten Federmotor bedient. "Das stellt schwarze Menschen herabwürdigend als Untergebene der weißen Bevölkerung dar, die ihr lediglich zur Unterhaltung dienen."

"Die Spielzeughersteller waren nicht alle Rassisten", erklärt Falkenberg. Aber sie hätten "die Ansichten ihrer Zeit auch im Kinderspielzeug gespiegelt." Das Team des Spielzeugmuseums sei danach mit "Menschen mit Diskriminierungserfahrungen" durchs Museum gegangen - und habe sich jedes Ausstellungsstück angeschaut. "Am Anfang war das echt schlimm", sagt Falkenberg. Sie fanden Spardosen mit schwarzen Gesichtern und riesigen Mündern. Außerdem: Schwarze Figuren, die auf Palmen klettern, um Kokosnüsse zu klauen. Oder Figuren von "als einfältig dargestellten Sklaven, die glücklich sind, ihrem weißen Herren zu dienen". 

Ein Besucher aus Norddeutschland schrieb 2019 einen offenen Brief an Nürnbergs damaligen Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD). Er kritisierte eine Vitrine mit Figuren von Hitler, Goebbels und Goering auf einer Hakenkreuz-Tribüne. "Der Mann hat mich trotz Gesprächsangeboten nie kontaktiert", sagt Leiterin Falkenberg. Das Museum klebte die Vitrine ab. "Wir haben ein neues Konzept als 'Weltmuseum' entwickelt", sagt Falkenberg. Das Team des Spielzeugmuseums Nürnberg sei aber klein, erst habe man als "privilegierte, weiße Deutsche" viel über Rassismus forschen müssen. 

Umstrittenes Spielzeug wird gezeigt - aber nicht einfach so

Die Leiterin des Spielzeugmuseums Nürnberg will viele von den "problematischen oder rassistischen" Ausstellungsstücken weiter den Besuchern zeigen. "Wir sind überzeugt: Wir müssen diese Figuren zeigen, um darüber zu sprechen", sagt Falkenberg. Deshalb soll es ab dem 15. Juli 2021 eine überarbeitete Hauptausstellung im Nürnberger Spielzeugmuseum geben. "Wir bauen einen Rassismus-kritischen Pfad mit fünf Stationen durch einen Teil der alten Hauptausstellung auf", sagt Falkenberg, "Eine Vollzeit-Mitarbeiterin unseres lediglich 5 Vollzeitstellen umfassenden Teams arbeitet seit 2019 nahezu ausschließlich zum Thema Diversitätssensibilität und anti-rassistisches Kuratieren."

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Dort gebe es Kommentare, Triggerwarnungen oder Aktionen zu dem Spielzeug. "Eine Vitrine haben wir mit Vorurteilen auf Zetteln behängt." Viele "weiße Menschen" trägen Alltagsrassismus in sich, den sie selbst oft nicht erkennen würden. "Auch ich habe trennendes Gedankengut in mir, das ist normal", sagt Falkenberg. Die Frage sei, wie man damit umgehe. Nürnberg sei Hochburg des historischen Blechspielzeugs. Die Hitler-Tribüne will die Museumsleitung aber nicht mehr präsentieren.

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