• Cannabis: Nürnberger Suchtbeauftragte will "kontrollierte Freigabe" für Erwachsene
  • "Mit hochgefährlichen Substanzen besprüht": Schwarzmarkt-Cannabis wird immer gefährlicher
  • Rauchen mehr Jugendliche Cannabis nach Freigabe? Wissenschaftlich "keineswegs ersichtlich"
  • "Beste Lösung für die Gesundheit": So soll der legale Cannabis-Verkauf ablaufen  

Die Suchtbeauftragte der Stadt Nürnberg, Andrea Freismidl, will, dass Cannabis in Zukunft legal und kontrolliert an Erwachsene verkauft werden darf. Die Debatte um die Entkriminalisierung und Legalisierung von Cannabis wurde in den vergangenen Wochen durch eine mögliche neue Ampel-Regierung angeheizt, weil außer Union und AfD alle Parteien im Bundestag einer Cannabis-Freigabe generell positiv gegenüberstehen. Bei inFranken.de erklärt Freismidl, warum die legale Abgabe Jugendliche besser schützen könne und weshalb auch die Nürnberger Suchtberatungen diese befürworten. 

Immer mehr gefährliche Substanzen im Cannabis - alleine 2020 vier Todesfälle durch "Legal Highs" in Nürnberg

"Als Suchtbeauftragte, die die Stadt Nürnberg und auch das Sozialamt und die Anliegen der Suchthilfe vertritt, spreche ich mich für eine kontrollierte Freigabe von Cannabis aus", erklärt Freismidl im Gespräch mit inFranken.de. Freismidl lehne allerdings den Begriff der Legalisierung ab, weil man darunter "in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Dinge" verstehe. "Wir befürworten eine regulierte Abgabe von staatlich kontrolliertem Cannabis, um die Gesundheitsschäden durch verunreinigtes Cannabis zu minimieren", erklärt sie. 

"Was wir in Nürnberg erleben, ist, dass Cannabis mit synthetischen, hochgefährlichen Substanzen besprüht wird." Ähnliche Stoffe werden auch den sogenannten Kräutermischungen beigefügt, die seit Jahren vor allem im Internet vertrieben werden. "Wir haben durch die neuen psychoaktiven Substanzen (Anmerkung der Redaktion: Fachbegriff für sogenannte "Legal Highs") in den letzten Jahren eine sehr hohe Anzahl an Krankenhauseinweisungen im Stadtgebiet und hatten 2020 sogar vier Todesfälle dadurch", erklärt die Suchtbeauftragte. 

Der große Unterschied zum bewussten Erwerb der "Legal Highs", so Freismidl: Die Käufer und Käuferinnen wüssten beim Erwerb nichts von den hochgefährlichen Strecksubstanzen im Cannabis. "Ich erhoffe mir von einer kontrollierten Abgabe von Cannabis, diesem Problem entgegenzutreten, in dem über staatlich kontrollierte Herstellung und Verkauf von Cannabis keine verunreinigten Substanzen im Umlauf sind", sagt sie. 

Suchtbeauftragte erklärt: Jugendliche konsumieren nicht mehr Cannabis nach "Legalisierung"

Freismidl möchte nach eigener Aussage aber nicht, dass Cannabis in der Zukunft einfach im Supermarkt oder am Kiosk erhältlich ist. "Der Verkauf sollte ausschließlich in staatlich lizensierten Fachgeschäften passieren", so die Nürnberger Suchtbeauftragte. Dies könnten aus ihrer Sicht "Apotheken sein, aber auch Geschäfte, in denen Kontrollen stattfinden, in denen strikt auf den Jugendschutz geachtet wird und in denen Menschen arbeiten, die aufklären und beraten, die wissen, was sie da verkaufen." 

Die "Gefahren von Cannabis auf das jugendliche Gehirn" seien nicht zu verharmlosen, so Freismidl. Sie könne es deshalb verstehen, dass "gerade viele Eltern wahnsinnige Angst vor einer Freigabe haben". Doch aus der aktuellen Studienlage sei "keineswegs ersichtlich", dass bei einer Freigabe auch mehr Jugendliche Cannabis konsumierten. Stattdessen könne ein "strikter, besserer Jugendschutz" nur funktionieren, ist sie überzeugt, wenn sich auch die Jugendlichen trauen könnten, offener über Cannabis zu sprechen. 

Dies hätten auch Schulprojekte der Nürnberger Suchtberatung "mudra" gezeigt. "Da haben die Jugendlichen in Nürnberg hauptsächlich danach gefragt, was ihnen durch die Polizei droht, wenn sie mit so und so viel Gramm Cannabis erwischt werden", erzählt Freismidl. Stattdessen müssten junge Menschen aber "vor allem über die Gefahren von Cannabis aufgeklärt werden und man muss in ein offenes Gespräch mit ihnen gehen können". 

Vorbild "Coffeeshops"? Warum Deutschland kein Drogenkrieg wie in Holland drohen würde

Freismidl ist überzeugt davon, dass "angesichts des ja ohnehin stattfindenden Konsums von Cannabis" eine Freigabe "die beste Lösung für die Gesundheit der Menschen", sei.  Dabei solle man sich aber nicht am Beispiel der Niederlande orientieren, meint Freismidl.

In den Niederlanden wird der Konsum von Cannabis in sogenannten "Coffeeshops" zwar toleriert, die Läden selbst erhalten ihre Ware aber von Händlern, die sie illegal produzieren -meist aus der organisierten Kriminalität. Das Land hat in den vergangenen Jahren immer heftiger mit blutigen Auseinandersetzungen verschiedener Drogenbanden zu kämpfen." Das Beispiel Niederlande, das aktuell oft herangezogen wird, ist mit Staaten wie Kanada oder Belgien kaum vergleichbar", sagt die Nürnberger Suchtbeauftragte.

"In Holland gibt es keine kontrollierte Freigabe. Dort hat man einfach gesagt, wir tolerieren das und schauen weg." Eine kontrollierte Abgabe hingegen sähe ganz anders aus, erklärt Freismidl. "Wir wollen, dass Präventionsangebote ausgebaut werden und dass eine Freigabe wissenschaftlich begleitet wird und umfangreiche Kontrollen stattfinden."