Vergessen Sie Rockkonzerte, Handball ist lauter. Als Teamarzt Kurt Steuer in der 45. Minute das Trikot von Torwart Andreas Wolff überstreift und von der Bank auf den Platz zum Siebenmeter stürmt, bebt die Halle vor Begeisterung. Nach vier Versuchen trifft der Mannschaftsarzt endlich ins Tor. Aus voller Kehle brüllen die Zuschauer "Europameister! Europameister!".



Überhaupt hat Handball viel mit Lautstärke zu tun. Nach jedem Treffer gibt es eine Portion krachende Ballermann-Musik auf die Ohren: "Scha-lala-lala!" Der donnernde Schlachtruf "Bad Boys!", mit dem sich die Spieler von Trainer Dagur Sirgurdsson vor jedem Spiel anfeuern, ist ebenfalls nichts für empfindliche Ohren. Mit dem Kampfschrei haben sich die "harten Jungs" bis zum EM-Titel geschrien. Wie die Vorbilder aus dem gleichnamigen Actionstreifen mit Martin Lawrence und Will Smith als knallharte Supercops hat die jüngste Mannschaft des Turniers alle Gegner eiskalt aus dem Weg geräumt. Die unbekümmerten Underdogs haben zum Finale sogar die Spanier vom Platz gefegt. Besser hätte Hollywood das Drehbuch nicht schreiben können. So werden "Handball-Märchen" geboren. Vom Talent zum Superstar in Spielfilmlänge.


Show steht im Mittelpunkt

Seitdem werden die Helden von Studio zu Studio durchs Fernsehdorf gereicht. Das steckt den Goldjungs spürbar in den Knochen. Zum Glück steht beim All-Stars-Spiel die Show und nicht der Sport im Mittelpunkt. Nach dem Kullertor des Teamarztes eilt das Fernsehen auf das Feld, um den Doc noch auf dem Platz zu interviewen. In einzelnen Szenen haben die Spieler trotz müder Muskeln freilich aufblitzen lassen, warum sie vollkommen zurecht den EM-Titel gewonnen haben.

Andreas Wolff hexte im Tor, Johannes Sellin wirbelte im Angriff und wurde später zum "Mann des Spiels" gewählt. Auch das Auswahlmannschaft der Bundesliga machte mit bei der Spaßveranstaltung in kurzen Hosen. Besonders Kim Ekdahl du Rietz von den Rhein-Neckar-Löwen sprudelte vor Spielfreude und erzielte mit einer eingesprungenen Schraube den kunstvollsten Treffer des Abends. Nach dem Spiel skandierte die Halle die moderne Ode an die Freude: "So sehen Sieger aus!"

Dabei haben die Handball-Helden an diesem Abend noch nicht einmal das Spiel gewonnen. Am Ende steht zwei Mal die Zahl 36 auf der Anzeigetafel. Die Halle klatscht trotzdem frenetisch in die Hände und singt "Oh wie ist das schön". Torwart-Star Andreas Wolff wird noch eine halbe Stunde nach dem Spiel von jungen Fans umringt. In tausende Mikrofone erinnern sich die Jungs an das "Wunder von Polen" zurück. Eine kluge Zeitung sonnt sich im Glanz des Erfolges und schießt mit den Helden noch schnell ein Werbefoto im Heldentor. Selbstverständlich will auch die Handball-Bundesliga von dem Triumph der Goldjungs profitieren.


Auch Franken setzt auf den Gold-Effekt

Noch mehr Zuschauer in den Hallen, noch mehr mediale Aufmerksamkeit erhofft sich die "stärkste Liga der Welt". Auch in Franken setzt man auf den "Gold-Effekt". Der HC Erlangen will den Rückenwind nutzen, um den erneuten Aufstieg in das Oberhaus zu schaffen. "Wir freuen uns über die Euphorie und wollen jetzt unbedingt zurück in die erste Liga", sagt HC-Manager Stefan Adam, dessen Mannschaft im Vorspiel gegen die Reserve der Nationalmannschaft beim 30 zu 30 gezeigt hat, dass sie derzeit zurecht an der Tabellenspitze der zweiten Liga steht.

Derweil gibt Andreas Wolff noch immer Autogramme. Auch wenn es weh tut, jetzt müssen die Handballer die Erfolgswelle mit zum Ende reiten. Lieber würden die Spieler sicher die Füße hochlegen, eine Tüte Chips aufmachen und noch mal den coolen Actionstreifen über die "harten Jungs" anschauen. Die Zeit des Träumens vor dem Fernseher ist allerdings vorbei. Jetzt sind sie selbst die Helden. Die mit den coolen Sprüchen und den heißen Autos.