Wäre Andreas Hügerich Schüler, er hätte den Tag der Zwischenzeugnis-Ausgabe glatt vergessen. Der Langstreckenläufer Hügerich orientiert sich lieber am Ziel als an einer Etappe. Zur Halbzeitbilanz der ersten Amtsperiode des Bürgermeisters passt der sportliche Vergleich. Der 33-Jährige will gut abschneiden. "Ich versuche wirklich mein Möglichstes, dass die Lichtenfelser sagen: Ja, er macht's gut, er tut alles, was er kann." Er könne nicht alles umsetzen, sagt er, manche Wünsche müssen schon aus finanziellen gründen hintangestellt werden - etwa die Öffnung des Oberen Torturms für Gäste und Bevölkerung. Aber er wolle halten, was er vor der Wahl versprochen hat: ehrlich sein, erklären, warum etwas nicht geht, und versuchen, aus Fehlern zu lernen.


Glücksmomente

Die jüngste, weitreichende Entscheidung von Concept Laser für den Standort Lichtenfels mit 700 Arbeitsplätzen ist ganz klar ein Highlight dieser ersten drei Jahre. Doch betont Hügerich (SPD): Ohne die schon im Mai 2014 begonnene Vorarbeit der Verwaltung, Gespräche mit Ämtern und Grundstückseigentümern, "hätten wir diese Chance nicht ergreifen können". Die Investition des Unternehmens ist für Lichtenfels quasi ein Sechser im Lotto, der nicht allein auf Glück beruht.

Glücksmomente hat es für Hügerich in den aus seiner Sicht in Windeseile vergangenen drei Jahren viele gegeben. "Es war eine wundervolle Zeit. Ich bereue den Schritt überhaupt nicht. Ich bin total glücklich, dass ich dieses Amt ausführen darf." Vieles sei schon erreicht worden, was im Wahlkampf auf der Agenda stand. Er wolle da keine Rangfolge vornehmen, trotzdem aber drei, vier Punkte hervorheben: neue Wohn- und Gewerbegebiete, Innenstadtbelebung beziehungsweise Familienfreundlichkeit in Lichtenfels und das Herausarbeiten des Alleinstellungsmerkmals Flechtkultur. "Da sind wir auf einem guten Weg." Hügerich erwähnt die Förderprogramme für die Innenstadt, den Beschluss, im ehemaligen Arzthaus in der Reitschgasse eine Kindertagesstätte anzusiedeln und das in der Beplanung befindliche Baugebiet in Reundorf - mit zirka 45 Bauplätzen eines der größten der letzten Jahrzehnte.

Im Gespräch darauf gelenkt, erinnert er sich auch an die Einarbeitung. Obwohl er in der Verwaltung gelernt und als Standesbeamter gearbeitet hatte, sei der Sprung gewaltig gewesen. "Von einem auf den anderen Tag prasseln alle Themen auf einen ein." Er beendet die Schilderung mit einem hörbaren Durchschnaufen. Darüber hinaus fungiere man als Repräsentant in der Öffentlichkeit sowie als Vertrauensperson und Mittelsmann in der Stadtratsarbeit. Als unangenehme Entscheidung ist ihm sein erster Haushaltsplan 2015 in Erinnerung geblieben. "Man sieht die finanzielle Situation der Stadt, den Berg der Aufgaben, die vor einem liegen. Die Ausgaben laufen uns davon. Und dann musst Du als neu gewählter Bürgermeister den Leuten sagen: Ich muss an die Hebesätze und Gebühren ran."

Er habe auch lernen müssen, dass so manches mehr Zeit braucht als gedacht - weil behördliche Verfahren zu durchlaufen sind, oder wenn man auf Fördermittel angewiesen ist. Ansporn sind ihm positive Anmerkungen und Kritik, Bürger, die sich einbringen, selbst Anregungen geben. "Die Miesmacherei hat aufgehört", so sein Eindruck. Wohl gibt es auch mal Äußerungen in Sozialen Netzwerken, die ihm weh tun, auf die es schwer ist, zu reagieren. Die können aber das Gesamtbild nicht trügen. Doch, er sei schon immer ein Optimist gewesen, räumt er ein und strahlt. Immer das Positive sehen, das Beste aus einer Situation machen. Als Beispiel passt an dieser Stelle vielleicht sein Anstoß, das städtische Gebäude Marktplatz 10 für Wirtschaftsamt und Stadtbücherei zu nutzen. Der Durchführungsbeschluss des Stadtrats steht noch aus, es liegen noch keine konkreten Zahlen vor.
Seine Bilanz vermittelt Zufriedenheit mit Einschränkung: Das Erreichte sei noch nicht alles. "Die Herausforderungen sind groß, wir müssen weitermachen." Und deswegen gehe es jetzt immer weiter. Immer weiter, das ist sein Motto. Den Vergleich mit dem Ausdauersport zieht Hügerich gern: Mutig sein, kämpfen, dranbleiben, um das Ziel schließlich zu erreichen.


Die Stimmen der anderen: überwiegend Lob und ein paar Wünsche

ei allem lobenswertem Engagement des Bürgermeisters könnten einige Dinge noch verbessert werden, meint Bernhard Christoph, Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Lichtenfelser Stadtrat. Die Initiativen der von Andreas Hügerich (SPD) geführten Stadtverwaltung seien derzeit viel an Herangehensweisen vergangener Jahrzehnte orientiert - der Schaffung von Neubau- und Gewerbegebieten mit entsprechendem Flächenverbrauch, und nicht immer besonders qualitativ gestaltet. "Eine zukunftsweisende Umweltpolitik ist kaum erkennbar. Am Beispiel der Einrichtung von sogenannten Hotspots wird dies deutlich. Bewährte, damals einstimmig gefasste Beschlüsse zum strahlungsarmen Mobilfunkkonzept der Stadt Lichtenfels bleiben hierbei unberücksichtigt."
Baumpflanzungen würden nicht nachdrücklich vorgeschrieben beziehungsweise es werde nicht auf Nachpflanzung bestanden, Beispiel Parkplatz Scheffelstraße/Einmündung in die Robert-Koch-Straße: "Kaum ein Baum hat seit der Errichtung des Parkplatzes die Jahre überlebt." Wichtige Zeichen der Zeit - der Klimawandel und Erfordernisse ansprechender, städtebaulicher Gestaltung würden übersehen. "Billiger Konsum sichert nicht die Konkurrenzfähigkeit der Stadt Lichtenfels", betont Bernhard Christoph.
Der Sprecher der Grünen findet außerdem, dass bedeutende Tagesordnungspunkte mit langjährigen Auswirkungen wie der Kiesabbau bei Reundorf nicht von einem beschließenden Ausschuss behandelt gehören, sondern vom Gesamtgremium. "Wir Grünen wünschen uns, dass der Bürgermeister die zweite Hälfte seiner ersten Amtsperiode genauso engagiert angeht wie bisher - aber bitte mit etwas mehr Gefühl für vorgenannte Punkte."
Stefan Hofmann, Sprecher der Freien Wähler/Freien Bürger im Stadtrat unterstreicht gemeinsame Themen: "Andreas Hügerich war nicht unser Kandidat, aber die Freien Wähler haben schon immer größten Wert auf Sachthemen gelegt - und diejenigen, die wir auf der Agenda hatten, sind bis auf einige wenige alle angepackt worden. Eine Idee wird nicht abgetan. Man hat den Eindruck, dass alles ernst genommen wird, egal ob von einem Bürger oder einem Stadtrat vorgetragen. Der junge Bürgermeister geht die Dinge mit Fleiß und Elan an. Mir scheint es auch, als sei dadurch ein Ruck durch die Stadtverwaltung gegangen."
Auch Frank Rubner (CSU-Fraktionsvorsitzender) stellt anerkennend das hohe Tempo heraus, mit dem Hügerich Dinge angegangen ist: "Er bürdet sich und der Verwaltung sehr viel auf." Für den negativen Nebeneffekt, dass vor diesem Hintergrund Anträge aus seiner Fraktion nur verzögert bearbeitet werden können, bringt Rubner Verständnis auf, obwohl er gerne schneller Erfolge aus eigenen Anregungen präsentieren können möchte. "Größtenteils ist die Zusammenarbeit gut, unsere Vorschläge werden auch aufgegriffen."
Philipp Molendo, Sprecher der Jungen Bürger im Stadtrat, stellt ebenfalls die gute Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister heraus: "Er nimmt sich Zeit, hat immer ein offenes Ohr und arbeitet sehr transparent." Viele Themen, die den Jungen Bürgern wichtig sind, habe Hügerich "mit gepusht", etwa Kinderbetreuungsplätze, die Erschließung von Wohngebieten und Industriegebiete voranzubringen. Wenn er im Schulnoten-System bewerten müsste, dann würde er Andreas Hügerich eine Zwei geben.