Christoph Hübner hat im Sommer 2019 die Leitung des Forstamtes Lichtenfels übernommen - in einem Jahr, in dem die Wälder extrem unter den Folgen des Klimawandels gelitten haben. Als "dramatisch" bezeichnete er die Situation damals. Und heute? Wir haben mit ihm über den Zustand des Waldes in seinem Zuständigkeitsbereich (der Region Lichtenfels-Coburg) gesprochen.

Herr Hübner, wie hat sich die Lage in den hiesigen Wäldern entwickelt?

Christoph Hübner: Das Jahr 2020 war sogar noch etwas trockener als 2019, allerdings nicht mit einer so großen zusammenhängenden niederschlagsarmen Periode. Man hat es deshalb als nicht so extrem empfunden. Die größten Schäden bestehen weiterhin durch Borkenkäfer bei der Fichte, die sich in diesen Phasen nicht ausreichend mit Wasser versorgen kann, um sich gegen den Befall zu wehren.

Rot angezeichnete, also zum Fällen markierte kranke Bäume sieht man derzeit häufig. Doch in einigen Waldstücken hat man den Eindruck, dass da nichts vorangeht.

Es kann sein, dass es da manchmal schon zu spät war. Es bringt ja nur etwas, die Bäume aus dem Wald zu entfernen, solange noch der Käfer drin ist und nicht, wenn er schon ausgeflogen ist. Die Waldbesitzer sind verpflichtet, befallenes Holz schnellstmöglich hinaus zu bringen. Die meisten sind wirklich bemüht, manche kommen aber einfach nicht nach. Für den Einschlag besteht Not am Manne - man findet keine Leute. Es gibt aber auch einige verantwortungslose Waldbesitzer; die nehmen die Lage nicht ernst, es ist ihnen egal. Da müssen wir dann die Daumenschrauben anziehen.

Verfügt das Forstamt über ausreichend Möglichkeiten dazu?

Teils, teils. Zur Durchsetzung der Maßnahmen brauchen wir auch die Manpower. Unser Apparat ist nicht darauf ausgerichtet, in solchen Extremjahren jeden zu kontrollieren. Wir wissen selbst, dass es momentan nicht leicht ist für die Waldbesitzer. Nichtsdestotrotz muss man sich beizeiten überlegen, wie man seinen Wald bewirtschaften kann. Die Gründe, es nicht selbst machen zu können, sind ja vielfältig - Alter, Zeitmangel, Entfernung. Dann muss man sich Leute suchen, die einen unterstützten - Eigentum verpflichtet.

Welche Möglichkeiten hat die Behörde, einzuschreiten, wenn sich Waldbesitzer nicht kümmern?

Wenn uns etwas auffällt, schreiben wir die Leute an, weisen sie beispielsweise auf Käferbefall hin und setzen Fristen.

Wie oft ist das im letzten Jahr geschehen?

Viele hundert Mal! Es sind, meine ich, um die 800 Schreiben rausgegangen. Bei rund 13 000 Privatwaldbesitzern ist das aber fast nichts. Wenn die Anschreiben nichts bringen, so haben wir auch die Möglichkeit, zum einen Ersatzvornahmen durchzusetzen. Das heißt, wir haben die nötigen Arbeiten veranlasst, und dem Eigentümer wird dann die Rechnung geschickt. Zum anderen können auch Zwangsgelder und Strafen wegen Ordnungswidrigkeiten verhängt werden. Von diesen Möglichkeiten haben wir im vergangenen Jahr bei besonders uneinsichtigen Waldbesitzern auch Gebrauch gemacht.

Sie haben die personellen Engpässe angesprochen. Wie stellt sich das Problem aus Ihrer Sicht dar?

Es fehlt einfach Fachpersonal auf dem forstlichen Sektor. Wir suchen händeringend Leute, die uns unterstützen. Es gibt jede Menge Arbeit. Für gewerbliche Forstunternehmer ist es trotzdem relativ schwierig, die Weichen zum Expandieren zu stellen. Denn der große Kräftebedarf etwa wegen des Käferbefalls kann ja auch nur eine Phase sein. Danach hätte man für die zusätzlichen Leute keine Beschäftigung mehr.

Könnte man aus anderen Branchen, die gerade coronabedingt ihre Tätigkeit nicht ausüben können, eine gewisse Menge an Aushilfskräften rekrutieren?

Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Aber wir als Behörde organisieren den Arbeitsmarkt nicht. Die Forstunternehmer werden natürlich entsprechend ausschreiben. Der Einsatz beim Holzeinschlag ist aber nicht einfach - das sind ja alles Gefahrenstellen. Nicht umsonst erstreckt sich die Ausbildung professioneller Forstwirte über drei Jahre. Um im Bereich Pflanzung/Pflege mitwirken zu können, müsste man zumindest etwas eingearbeitet sein. Es ist aber zu beobachten, dass Forstunternehmer aus Regionen, in denen es in jüngster Zeit etwas ruhiger war, zum Beispiel im südbayerischen Raum, zu uns hochkommen. Da gibt es schon ein bisschen Bewegung.

Welche Prioritäten sollten Waldbesitzer jetzt bei ihren Arbeiten setzen?

Im Winter ist der Käfer ja nicht aktiv. Man sollte sich auf die Bäume konzentrieren, wo man noch was bewirken kann. Wenn bloß noch Baumgerippe dastehen, ist es viel zu spät. Totholz stehen zu lassen - wenn es aus verkehrssicherungstechnischen Gründen vertretbar ist - ist gar nicht verkehrt. Das ist eine Heimat für viele seltene Insektenarten, die für lebende Bäume keine Gefahr darstellen.

Abgeholzte Flächen und vom Maschineneinsatz aufgewühlte Wege sehen für den Laien erst einmal erschreckend aus. Wie steht es um den Patienten Wald?

Ich würde mal sagen: Er liegt im Krankenbett, ist aber in besten Händen (lacht in Anbetracht des menschelnden Vergleichs). Er hat manche Zipperlein, wo er nicht ganz an die klimatischen Verhältnisse angepasst ist, Stichwort Baumarten und Borkenkäferbefall. Das sind die Sachen, die er momentan aushustet. Danach wird er aber umso besser dastehen. Natürlich ist es erstmal erschreckend, aber diese Flächen werden wieder Wald.

Was können wir alle dem Wald Gutes tun?

Eine nachhaltige Lebensweise - Klimaschutz - tut grundsätzlich auch dem Wald gut. Der Verzehr von Wildfleisch wäre auch ein Aspekt, da wir ja die Verbissproblematik haben. Wir prangern Massentierhaltung an - und hier wäre ein nachhaltiges Lebensmittel, das man nur zu nutzen bräuchte. Beim eigenen Freizeitverhalten darauf achten, schonend mit dem Wald umzugehen. Jeder Waldbrand ist ein Schlag zurück. Gerade im Frühjahr ist die gefährlichste Zeit, weil da keine feuchte Vegetation vorhanden ist, noch nicht alles im Saft steht.

Sind die Mahnungen, sich ruhig zu verhalten und auf den Wegen zu bleiben, nicht übertrieben, wenn andererseits tagelang laute Fällaktionen stattfinden?

Nein, gar nicht. Denn das Wild ist sehr anpassungsfähig und erkennt schnell, ob von etwas Gefahr ausgeht. Flächen, wo gerade Waldarbeiten stattfinden, wird es möglicherweise meiden. Aber das ist für die Tiere eine berechenbare Störung. Sie wissen auch, wo Wege sind und häufig Menschen entlang gehen. Stress kommt erst auf, sobald es Abweichungen von dieser Linie, unberechenbare Störungen, gibt. Wenn etwa ein Hund vom Weg springt, und es mit panischer Flucht reagieren muss. Das peitscht den Stoffwechsel in die Höhe, was mehr Nahrungsbedarf und mehr Verbiss zur Folge hat.