Die Entscheidung hat Dr. Holger Göbel völlig überrascht. Der Chefarzt der Gastroenterologie am Lichtenfelser Krankenhaus behandelt seit 2003 Menschen mit besonders komplexen Magen- oder Darmerkrankungen auch ambulant. Dafür benötigte er eine Ermächtigung, die zeitlich befristet auf jeweils zwei Jahre erteilt wird. Mehr als zehn Jahre lang war das nur eine Formsache. Jetzt kam die Ablehnung. Der auf Antrag der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) tätig werdende Zulassungsausschuss, besetzt mit Ärzten und Kassenvertretern, vertritt die Meinung, dass für diese internistische Ambulanz in Lichtenfels kein Bedarf mehr besteht. Er beruft sich dabei auf eine Bedarfsanalyse, die besagt, dass es bei den niedergelassenen, gastroenterologisch tätigen Ärzten in zumutbarer Entfernung ausreichend Kapazitäten gibt, um den ambulanten Behandlungsbedarf zu decken.


Versorgungsgrad berechnet

Bei der Bedarfsplanung wird übrigens der gesamte Raum Oberfranken-West zugrundegelegt, zu dem die Städte und Landkreise Bamberg, Forchheim, Coburg, Lichtenfels und Kronach gehören. Hier gebe es einen Versorgungsgrad von 230,7 Prozent und somit bestehe für die internistische Ambulanz des Chefarztes kein Bedarf. Es wird ferner angeführt, dass es seit einem Jahr vor Ort ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) mit einem angestellten Gastroenterologen gibt, der ebenfalls Magen- und Darmspiegelungen erbringt. Die Versorgungslage habe sich also sogar verbessert.

Fakt ist aber, dass ein niedergelassener Internist, der in Ruhestand ging, seine Praxis an das MVZ verkauft hat. Seit der Praxisübernahme haben sich die Fallzahlen nicht verändert, wie vor Ort zu erfahren ist. Der Arzt, der diesen Bereich übernommen hat, ist hingegen nur zehn Stunden in der Woche in dem MVZ tätig.


Spezielle Untersuchungsmethode

Das Klinikum Lichtenfels widerspricht also der Entscheidung. Auch der Einwand, dass allein das Krankenhaus über ein Endosonografiegerät verfügt, mit dem Ultraschalluntersuchungen durch den Magen und Darm hindurch vorgenommen werden können, führt beim zuständigen Berufungsausschuss in München nicht dazu, den Beschluss aufzuheben. Keiner der hiesigen niedergelassenen Ärzte biete das an, erklärt Göbel. Es sei eine schonende und wichtige Untersuchungsmethode, die häufig bei Tumorpatienten eingesetzt werde. Könnte diese nicht mehr ambulant angeboten werden, sei dies sogar mit höheren Kosten für die Krankenkassen beziehungsweise mit einer Erschwernis für die betroffenen Patienten verbunden.

Und um die geht es. Es ist gar nicht die große Masse. Meistens waren es Menschen mit besonders komplexen Erkrankungen, die zum Chefarzt in die Ambulanz kamen. Durchschnittlich nur etwa drei am Tag. Denn die freie Arztwahl ist hier eingeschränkt: Man durfte ohnehin nur nach Überweisung eines niedergelassenen Facharztes dieses Angebot in Anspruch nehmen. "Ich habe denen nichts weggenommen", sagt Holger Göbel. Es gehe häufig auch um zeitintensive Behandlungen, die die Kollegen in niedergelassenen Praxen oft gar nicht schaffen könnten. Deshalb hätten diese auch nichts gegen die Krankenhaus-Ambulanz gehabt. Von elf niedergelassenen Ärzten dieser Fachrichtung gab es unseren Recherchen zufolge nur einen, der etwas dagegen hatte. Doch seitens der Entscheidungsträger heißt es dazu: Die Befürwortung durch überweisungswillige Ärzte relativiere die Sperrwirkung der Zulassungsbeschränkungen nicht.


Es geht nicht um die breite Masse

Die Routine-Koloskopie (Dickdarmspiegelung), die von vielen niedergelassenen Gastroenterologen/Internisten durchgeführt wird, ist übrigens von diesem Einschnitt am Klinikum überhaupt nicht betroffen: Sie darf auch weiterhin im Krankenhaus ambulant gemacht werden.

Es ist noch nicht lange her, da musste Holger Göbel die letzten Patienten darüber informieren, dass er sie künftig nicht mehr ambulant behandeln darf. Eine Frau, die an der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn mit einer schweren Verlaufsform leidet, hat da raufhin geweint. Alle acht Wochen kam sie zur Behandlung, wie er berichtet. Künftig wird sie einen noch beschwerlicheren Weg haben. Dass das so gewollt ist, kann Göbel nicht nachvollziehen. "Unser Auftrag sind doch die schwerkranken Patienten", sagt er.

Nachdem seine Argumente beim Berufungsausschuss aber kein Gehör fanden, bleibt nur der Weg vor das Sozialgericht. Den wird das Klinikum beschreiten, doch es kann Jahre dauern, bis eine Entscheidung fällt. Eine letzte Hoffnung, um vorher noch etwas zu bewegen, setzt der Arzt deshalb auf eine andere Schiene - die politische. Andernorts soll so eine Fürsprache schon von Erfolg gekrönt gewesen sein, wie man hört. Und man hört auch, dass sich im Lichtenfelser Stadtrat Widerstand formiert.