Die Deutschen essen gerne Fleisch. Auch wenn der Konsum in den vergangenen Jahren laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) leicht zurückgegangen ist, liegt die jährlich verzehrte Menge im Durchschnitt immer noch bei knapp 60 Kilogramm pro Kopf. Im Zuge der Coronakrise und der Schlachthofskandale kam wieder Bewegung in die Diskussion um "Billigfleisch". Die Frage nach den Umständen, unter denen Schnitzel und Wurst erzeugt und weiterverarbeitet werden, rückte bei vielen Verbrauchern in den Fokus.

Dass hier ein erstes Umdenken und eine Orientierung hin zu regionalen Produkten stattfindet, macht sich in kleinem Rahmen tatsächlich im Landkreis Lichtenfels bemerkbar, und zwar bei den hiesigen Direktvermarktern. "Seit Corona ist die Nachfrage nach unseren Produkten extrem angestiegen", berichtet Angelika Weidner, die gemeinsam mit ihrem Mann seit 20 Jahren Schweineaufzucht in Stublang betreibt und vor gut sieben Jahren in die Direktvermarktung eingestiegen ist. Der Rahmen ist überschaubar: Bis zu acht Schweine werden gleichzeitig aufgezogen, die sie von einem Ferkelzüchter in der Region beziehen und im benachbarten Serkendorf bei einem Metzger schlachten lassen. Die Transportwege sind demnach kurz.

Direkt am Hof erhältlich sind sowohl Wurst in Dosen, darunter Göttinger, Presssack, Bierschinken und Leberkäse, als auch Fleisch wie Schnitzel, Steaks und Lenden. "Wir sammeln die Anfragen und wenn es soweit ist, wird das gesamte Schwein verwertet", erklärt Angelika Weidner und fügt hinzu, dass die Tiere ausschließlich Futter aus eigenem Anbau erhalten, etwa Erbsen als Eiweißquelle, Wintergerste und Kartoffeln.

Über mangelnde Nachfragen können sich die Stublanger nicht beschweren, selbst ein Lebensmittelhändler aus der Region habe angefragt. Doch hierzu wären mehr Tiere und deshalb ein Stallneubau nötig, der mit hohen Auflagen und Kosten verbunden ist und für Georg Weidner nicht in Frage kommt.

Kurze Wege, feste Kundschaft

Auch zehn Kilometer weiter - in Roth - ist im Zuge von Corona ein höheres Interesse von Seiten der Verbraucher für regionale Produkte spürbar. Hier geht es um Rindfleisch, das von Familie Pösch seit über dreißig Jahren in der Direktvermarktung angeboten wird. Wie Maria Pösch erklärt, wird bei ihr großer Wert darauf gelegt, dass möglichst alle Teile des Tieres an den Mann oder die Frau gebracht werden: "Wir bieten ausschließlich Pakete ab zehn Kilogramm an, die unter anderem Rouladen, T-Bone-Steaks, Beinscheiben, Braten- und Suppenfleisch sowie Bäckchen enthalten."

Die Transportwege sind ebenfalls kurz: Die Bullen werden als Kälber von umliegenden Milchviehbetrieben erworben und im Rindermastbetrieb in Roth aufgezogen, bis sie ihr Schlachtgewicht erreicht haben. Einmal im Monat erfolgt der Transport von ein bis zwei Rindern zum Kulmbacher Schlachthof, von wo aus die Schlachtkörper wieder den Weg zurück nach Lichtenfels finden und von den Pöschs 16 Tage an der Luft abgehangen und getrocknet werden. Dadurch wird das Fleisch zarter. Die Resonanz der meist festen und regelmäßig wiederkehrenden Kunden sei stets sehr positiv.

Ständig neue Vorgaben

Dass in jüngster Zeit vermehrt junge Familien regionale Fleischprodukte direkt vom Erzeuger nachfragen, hat Familie Böhmer vom gleichnamigen Hof in Großziegenfeld festgestellt. Sie ist seit gut 25 Jahren in der Direktvermarktung von Rinder- und Schweinefleisch aktiv und vertreibt dieses über ihren Hofladen und über sogenannte Regiomaten, sprich Verkaufsautomaten, die sich in Hochstadt sowie im Raum Bamberg befinden.

Geschlachtet wird vor Ort, was heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr ist, denn die EU-Auflagen sind hoch und der damit verbundene Bürokratieaufwand ist enorm.

Die hohen Schlachtauflagen von Seiten der Europäischen Union sind auch der Grund, warum immer mehr kleine landwirtschaftliche Betriebe und Metzgereien aufgeben müssen. Ebenfalls schwer machen es Nutztierhaltern gesetzliche Vorgaben, die auf einen höheren Tierwohlstandard abzielen. Auf Bundesebene hat ein Fachgremium - das Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung - Empfehlungen erarbeitet, wie der Spagat zwischen Tierschutz, Umweltschutz und der Wettbewerbsfähigkeit der Landwirte gelingen kann. Unumgänglich scheint dabei der Umbau hin zu einer Haltungsform mit mehr Platz und Zugang zu Außenbereichen zu sein.

Wie Michael Bienlein, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) in Lichtenfels, betont, sind damit für Landwirte jedoch hohe Investitionen verbunden: "All diejenigen, die vor zwei Jahren einen Stall geplant haben, der jetzt in der Bauphase ist, müssen aufgrund ständig neuer Vorgaben das Konzept über den Haufen werfen und alles anpassen. Das ist mit hohen Kosten verbunden und diese müssen sich in dem widerspiegeln, was erzeugt wird. Der finanzielle Aufwand für mehr Tierwohl darf nicht allein auf die Landwirte abgewälzt werden."

Ein Vorschlag des Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung ist beispielsweise eine mengenbezogene Abgabe auf tierische Produkte im Sinne einer Verbrauchssteuer. Denkbar wären Sätze von 40 Cent pro Kilogramm Fleisch und Fleischverarbeitungsprodukte.

Ein ebenfalls guter Ansatz sei laut Michael Bienlein die "Initiative Tierwohl". Hier setzen sich Unternehmen und Verbände aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel erstmalig gemeinsam für eine tiergerechtere Schweine-, Hähnchen- und Putenfleischerzeugung ein. Teilnehmende Landwirte verpflichten sich, bestimmte Grundanforderungen wie mehr Platz und Beschäftigungsmaterial umzusetzen und erhalten für ihren Mehraufwand einen finanziellen Ausgleich. Für den Verbraucher bietet ein entsprechendes Siegel Orientierung, das vor allem Geflügelfleischprodukte und in kleinerem Umfang auch Schweinefleischprodukte kennzeichnet, die von einem teilnehmenden Betrieb stammen.

Weniger Stress, mehr Geschmack

Die "direkteste" Methode wiederum bleibt nach wie vor der Erwerb beim Erzeuger direkt. Wer hier kauft, weiß genau, wo das Fleisch herkommt und wie das Tier gehalten wurde. Kurze Transportwege und bestenfalls eine Schlachtung vor Ort bedeuten zudem weniger Stress für das Tier, was sich wiederum positiv auf die Qualität und den Geschmack des Fleisches und damit letztlich auch auf die Gesundheit des Konsumenten auswirkt - ganz nach dem Motto "Du bist, was du isst".

Ob die gestiegene Nachfrage nach regionalen Direkterzeugnissen anhält, bleibt noch abzuwarten. Sie lässt aber doch erahnen, dass immer mehr Menschen am Obermain einen Weg hin zu einem rationaleren Fleischkonsum einschlagen, bei dem es auf Klasse statt Masse ankommt.