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Lichtenfels
Flechthandwerk

Spinnenhinterteil geflochten

Durch Vermittlung des ZEF Lichtenfels kam ein außergewöhnlicher Auftrag für einen Flechtwerkgestalter zustande: eine Riesenspinne für die Münchner Kammerspiele.
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Die Riesenspinne mit geflochtenem Hinterleib auf der Bühne der Münchner Kammerspiele in dem Stück "Passing" Foto: © Thomas Aurin
Die Riesenspinne mit geflochtenem Hinterleib auf der Bühne der Münchner Kammerspiele in dem Stück "Passing" Foto: © Thomas Aurin
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Das mag ein besonderes Gefühl sein, in einem renommierten Theater zu sitzen und zu wissen: Das zentrale Teil der Requisite in dieser Aufführung habe ich mit meinen Händen hergestellt. Vor allem, wenn man nicht etwa Bühnenbildner ist, sondern Flechtwerkgestalter! So erging es Anfang des Monats Emmanuel Heringer. Der in Lichtenfels durch seine Korbmarkt-Projekte bekannte Handwerker - man erinnere sich an das begehbare Flechter-Ei 2018 - hat nämlich einen ganz speziellen Auftrag für die Münchner Kammerspiele ausgeführt. In der Werkstatt des selbstständigen Flechters aus dem Raum Rosenheim entstand aus ungeschälter Weide und Stahl der 200 Kilo schwere begehbare Hinterleib einer Riesenspinne. Diese steht im Mittelpunkt der Inszenierung des Stückes "Passing" von René Pollesch. Der Dramatiker ist designierter Intendant der Berliner Volksbühne. In München steht aktuell dieses Werk von ihm auf dem Spielplan, in dem es um Authentizität und Infragestellen geht. Die Spinne ziele auf Assoziationen ab, wie ein Kritiker der Süddeutschen Zeitung deutete: "Spinnen als verrückt sein, als Fäden herstellen..." Und in der Abendzeitung hieß es, die Spinne stehe auch für das vom Hundertsten ins Tausendste Kommen des netzartigen Texts.

Bühnenbild hochgelobt

Die Reaktionen auf das Schauspiel waren unterschiedlich. Die Spinne im Bühnenbild aber war ein vielgelobtes Highlight.

Für den gelernten Zimmermann und Korbflechter Heringer war die Aufführung ein "Ausflug in eine andere Welt", der ihm sehr gut gefallen hat, wie er berichtet. Zustande gekommen war der Auftrag durch Vermittlung des Zentrums Europäischer Flechtkultur (ZEF) Lichtenfels. Geschäftsführer Manfred Rauh erreichte die Anfrage der Theaterleute, ob er denn jemanden wüsste, der die Idee der Berliner Bühnenbildnerin Nina von Mechow umsetzen könnte. Üblicherweise tun das die Handwerker in den hauseigenen Werkstätten. Dort gibt es u.a. Schlosser und Schreiner - aber eben keinen Flechter.

Weil Heringer Erfahrung mit Großobjekten hat, ging die Empfehlung an ihn. "Es war eine schöne, vorbildliche Zusammenarbeit", sagt er rückblickend. Nach genauer Vorgabe arbeitete er an der vorgefertigten Unterkonstruktion aus Stahlplatten und Rohren 102 Stunden inklusive Planung. Zweimal war er zu Vorgesprächen in München. Als Flechtmaterial wählte er die Reifweide. "Sie ist dunkel und hat einen schönen Glanz." Die beiden Hälften des Objektes wurden schließlich mit dem Lkw der Kammerspiele abgeholt und in die Landeshauptstadt gebracht.