Die Nettosprechzeit des vor Gericht stehenden 45-jährigen Autohalters dürfte allein schon bei 70 Minuten gelegen haben. Beim Thema blieb er in dieser Zeit selten, zur Ordnung rufen ließ er sich aber auch kaum.


Wie bei Monty Python

Es war ein wenig wie in diesem Monty-Python-Sketch, wo ein Mann einfach nicht mit dem Reden aufhört und noch plappernd von der Bühne geschoben werden muss, dann aber zurückkommt, durch Zuschauerreihen geht und einfach kein Ende findet, von Dingen spricht, die nicht gefragt wurden und auch ansonsten eher redet als zuhört. "Selbständig, vom Gericht verarscht, kurz vor der Pleite und vor dem Nervenzusammenbruch" so charakterisierte sich der Autohalter aus dem östlichen Landkreis gleich bei Prozesseröffnung.
Auch habe er ein Kind, das sei "jetzt sechs Jahre alt, oder so." Ab da benötigte Richter Ortwin Jaunich starke Nerven.
Es ging darum, dass eine Polizeistreife im Juni 2015 feststellte, dass das Auto des 45-Jährigen zu laut war. Die Kombination aus Sportauspuff und Luftfilter bei fehlender Dämmung verursachte mehr Dezibel als erlaubt. Wegen dieser Ordnungswidrigkeit erging ein Bußgeld, gegen das der Mann Einspruch einlegte. Immer wieder beteuerte er, dass er das Auto schon so gekauft habe. "Es war brandneu mit Tüv - hätte es nicht Tüv gehabt, hätte ich es nicht übernommen."
Das war die Hauptlinie, auf die sich der Mann argumentativ zurückzog. Hernach aber sollte er sich auch darüber auslassen, wie schlecht es ihm gehe, wie viel Pech er als Geschäftsmann habe, wie unverfroren Kunden sein könnten und wie viele Scherereien diese verursachten. Einmal, als er zu einem Belang gefragt wurde, kramte er aus einer riesigen Tasche nicht nur zerknitterte und ungeordnete Dokumente hervor, sondern auch eines jener absonderlichen Gegenstände, mit denen er im Internet handelt. Dabei erklärte er ausführlich und ohne auf Rufe zur Ordnung zu reagieren, wie ungerecht er es findet, dass Besteller seine Gegenstände erst in Empfang nehmen, nutzen, beschädigen und später für diese auch noch Ersatz von ihm haben wollen. Zudem sparte er auch nicht mit Kritik an Briefträgern, die ihm in Dingen des Postversandes falsch zustellten. Ob der "Postbote kokst oder doof ist", erörterte der Mann, während er erneut gebeten wurde, sich "auf das Wesentliche zu konzentrieren". Doch das Wesentliche bestand für den Mann auch darin, von der entweichenden Luft seines Vorderreifens zu erzählen, die auch keine Berücksichtigung beim Tüv gefunden habe und davon, dass Elektroautos den Nachteil besäßen, nicht laut genug zu sein. Der Presse versuchte er Unterlagen von einem völlig anders gelagerten Streitfall auszuhändigen, ebenso trat er vor den Richter und legte ihm Akten vor, die mit dem gerade verhandelten Fall absolut nichts zu tun hatten. "Ich bin nicht Ihr Briefkasten", kommentierte Jaunich, überließ den Mann aber ansonsten seinem eigenen Redeschwall.


90 Euro Bußgeld zu zahlen

Gipfelpunkt des merkwürdigen Schauspiels dürfte in dem Moment gewesen sein, als der Beschuldigte von seinem Recht Gebrauch machte, einen Zeugen zu befragen. Dieser, einer der Polizeibeamten, die damals das Auto für zu laut befanden, sollte ihm nun die unsinnige Frage beantworten, warum er vom Landratsamt falsch adressierte Post erhalte. Selbst noch während der Urteilsverkündung sollte der Mann zu Nebensächlichem lautstark lamentieren, sodass in manchen Momenten zwei Männer sprachen - Richter und Verurteilter. Letzterer musste hinnehmen, dass er wegen eines zu lauten Autos 90 Euro Bußgeld zu zahlen hat.